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Der Graf St.Germain

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Beitrag von Brainfire© am So 21 Nov - 13:02

Wer war er ?`War er jetzt ein Freimaurer (wahrscheinlich einer der hohen viehcher)


Graf von Saint Germain
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Graf von Saint Germain

Der Graf von Saint Germain [sɛ̃ʒɛʀˈmɛ̃], (auch: Aymar de Betmar; Marquis de Betmar; Graf Welldone u. a.), (* unbekannt; † 27. Februar 1784 in Eckernförde) war ein Abenteurer, Geheimagent, Alchemist, Okkultist und Komponist. Um seine Person ranken sich zahlreiche Legenden, die teilweise von ihm selbst geschaffen wurden.

Leben

Die erste gesicherte Nachricht von einem Grafen von Saint-Germain stammt aus den Briefen Walpoles 1745.[1] Diesen zufolge hielt er sich schon zwei Jahre in London auf, besaß eine ausgesuchte Sammlung von Juwelen, komponierte und trat als exzellenter Geigenspieler auf. Außerdem ließ er in London unter anderem eine italienische Liedsammlung und Violinsonaten drucken. Im Rahmen des allgemeinen Misstrauens und der Feindseligkeiten gegen katholische Ausländer wegen des damaligen jakobitischen Aufstands in Schottland wurde Saint Germain vorübergehend verhaftet; schließlich erregte er die Neugier des Prinzen von Wales und befreundete sich mit Philip Stanhope.

Er lernte in Wien den französischen Kriegsminister Marschall von Belle-Isle (1684–1761) kennen, den er unter anderem mit Plänen einer Invasion Englands derart beeindruckte, dass dieser ihn nach Paris einlud. Die Zeit dort von 1756 bis 1760 gilt als Höhepunkt von Saint Germains Laufbahn. Casanova schildert in seinen Memoiren anschaulich wie der Graf Abendgesellschaften damit unterhielt, vorzugeben, Zeuge wichtiger, weit zurückliegender historischer Ereignisse gewesen zu sein, die er in genauen Einzelheiten schilderte und dabei sehr gute historische Kenntnisse durchblicken ließ. Dabei setzte Saint Germain stets eine todernste Miene auf, aß und trank außerdem nichts. Selbst die Pompadour (1721–1764) unterhielt er auf diese Weise, wie ihre Kammerfrau du Hausset berichtet.[2]. Stets auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, den König Ludwig XV. zu unterhalten, stellte sie ihm Saint Germain vor – mit vollem Erfolg: Im Trianon-Schlösschen in Versailles ließ der König ein Alchemielabor einrichten, 1758 stellte er Saint Germain darüber hinaus Räume im Loireschloss Chambord zur Verfügung, wo dieser unter anderem an neuen Methoden für die Textilfärberei experimentierte. Saint Germain behauptete, Fehler in Edelsteinen beseitigen und Diamanten zu größeren verschmelzen zu können. Er lieferte dem König auch Proben ab, hütete sich aber, in diesem Fall Tricksereien anzuwenden. Zudem lehnte er es kategorisch ab, dem König Mittel zu verabreichen. Anscheinend war Saint Germain auch in der Pharmazie bewandert und behauptete, ein Aqua benedetta zu besitzen, das bei Damen das Altern stoppte. Dieses trug zwar sehr zur Beliebtheit des Grafen bei, jener machte aber in seiner Zeit in Paris kein Geschäft daraus.

Das enge Verhältnis zum König führte schließlich auch zu seinem Sturz in Paris. Ludwig XV. pflegte an seinem Außenminister Choiseul vorbei und ohne dessen Wissen diplomatische Aktivitäten zu entfalten („Secret du Roi“ genannt)[3]; insbesondere war er 1760 der hauptsächlich von Choiseul eingefädelten Allianz mit den Österreichern im Siebenjährigen Krieg überdrüssig, der sich zu einem weltumspannenden Konflikt mit England ausgeweitet hatte. Saint Germain wurde dazu benutzt, in Den Haag über einen möglichen Friedensschluss vorzufühlen. Als der französische Botschafter d'Affry von Saint Germains Aktivitäten erfuhr und diese seinem Minister Choiseul berichtete, befahl dieser sofort die Verhaftung von Saint Germain. Da sich der König unwissend stellte, sah sich Saint Germain gezwungen, nach London zu flüchten.

Saint Germain mied nun eine Weile Frankreich und hielt sich hauptsächlich in den Niederlanden und Deutschland auf, wo er gerne den Decknamen Welldone benutzte. Saint Germain soll nach den Worten von Grigori Grigorjewitsch Orlow eine Rolle beim Putsch von Katharina II. 1762 in St. Petersburg gespielt haben, Näheres ist darüber aber nicht bekannt.[4][5] 1763 kaufte Saint Germain sich ein Gut bei Nijmegen und richtete sich ein Laboratorium ein, wobei er die reiche Brüsseler Geschäftsfrau Nettine und den Statthalter des Kaisers Graf Philipp von Cobenzl für die Gründung von Manufakturen gewinnen konnte, sodass diese große Geldsummen vorstreckten. Die Tests der Farb- und Textilproben durch den skeptischen kaiserlichen Minister Kaunitz in Wien fielen jedoch negativ aus. Im August verschwand Saint-Germain aus den Niederlanden, wobei er beträchtliche Schulden hinterließ.

Über die nächsten zehn Jahre liegen wenig Quellenaussagen vor, Saint Germain scheint sich in Russland und Italien aufgehalten zu haben. 1774 hielt er sich am Hof des Markgrafen Karl Alexander von Brandenburg-Ansbach/Brandenburg-Bayreuth auf, mit dem er in seinem Schloss Triesdorf mit Farbstoffen experimentierte und den er auch im nahen Nürnberg Grigori Orlow vorstellte, der ihn als seinen Freund bezeichnete und ihm größere Geldsummen übergab. Saint Germain spielte in verschiedenen Freimaurerzirkeln, die damals im Deutschen Reich den Zugang zu einflussreichsten Kreisen ermöglichten, eine bedeutende Rolle und schuf sich so eine neue Legende: Beispielsweise war Cagliostro sehr daran gelegen, als sein Schüler zu gelten. Daneben war Saint Germain angeblich auch Rosenkreuzer und vertrat eine okkulte Variante der Freimaurerei, was ihn bei Freimaurern umstritten machte: der Herzog von Braunschweig ließ ihn 1777 überprüfen und fand, dass er entgegen seiner Angaben nicht in die „höheren Grade“ eingeweiht sei.[6] 1778 gelang es Saint-Germain in Hamburg, die Freundschaft des von Alchemie und Freimaurermythen begeisterten Karl von Hessen-Kassel, dem Statthalter des dänischen Königs in Schleswig, zu erringen. Auf seinem Sommerschloss in Louisenlund richtete dieser dem Grafen ein Alchemistenlabor ein (der „Alchemistenturm“ ist heute abgetragen), und im nahen Eckernförde gründeten beide eine Seidenfärberei. Allerdings bekam Saint-Germain das Klima nicht. Schließlich starb er laut Kirchenbucheintrag am 27. Februar 1784 in Eckernförde.[7] Saint Germain wurde in St. Nicolai begraben – sein Grabstein fiel einer Sturmflut zum Opfer.
Herkunft [Bearbeiten]

Rätselhaft sind die Herkunft des Grafen von Saint Germain und die Quellen seines Reichtums. Hier die wichtigsten Hypothesen:

* Er selbst gab in seiner Zeit in Deutschland zum Beispiel gegenüber dem Landgrafen von Hessen-Kassel an, der Sohn des transsylvanischen Fürsten Franz II. Rákóczi (1676–1735) zu sein,[8] konnte dies aber nicht beweisen. Auch in der okkulten und Freimaurer-Literatur wird dies zum Teil behauptet. Die beiden Söhne von Rákóczi, der in Ungarn die Kuruzenaufstände gegen den Kaiser anführte, aber später im Exil in Paris bzw. ab 1717 in der Türkei lebte, waren als eine Art Geisel am Wiener Hof aufgezogen worden. Nach dieser Herkunfts-Hypothese wäre ein weiterer Sohn (Leopold Georg, geb. 1696, aber offiziell 1700 gestorben[9]) aber insgeheim beim letzten Medici-Herzog Gian Gastone de' Medici der Toskana aufgezogen worden. Es stellt sich dann allerdings die Frage, warum Rákóczi ihn nicht anerkannte bzw. warum Saint-Germain seine Abkunft nicht beweisen konnte.

* Eine wahrscheinlichere Hypothese[10] nimmt an, dass er der Sohn der letzten spanischen Habsburgerkönigin Maria Anna von Pfalz-Neuburg (1667–1740) und eines jüdischen Bankiers in Madrid, Comte Adanero, den sie zu ihrem Finanzminister machte, war. Nachdem König Karl II. 1700 kinderlos starb, was den Spanischen Erbfolgekrieg zur Folge hatte und den Bourbonen zum spanischen Thron verhalf, lebte sie in Bayonne im französischen Baskenland im Exil. Auch der französische Außenminister Herzog von Choiseul macht eine Andeutung in dieser Richtung als er mit der Frage konfrontiert wird, warum der französische Staat nichts über ihn wisse: „Er sei der Sohn eines portugiesischen Juden, der den Hof täuschte.“[11] Von Gleichen berichtet in seinen Memoiren, der Baron de Stosch[12] in Florenz hätte ihm gesagt, er hätte zur Zeit des Regenten, also 1715–1723, in Paris einen Marquis von Montferrat gekannt, Sohn der Witwe Karls II. und eines Bankiers aus Madrid. Saint-Germain benutzt auch später diesen Decknamen in Italien. Auch ein Aufwachsen in Italien wäre mit der Pfalz-Neuburg-Hypothese vereinbar, denn die Schwester des letzten Medici-Großherzogs der Toskana, Gian Gastone de' Medici, war mit dem Pfälzer Kurfürsten Johann Wilhelm, dem Bruder der Königin Maria Anna, verheiratet. Auch der Saint-Germain-Forscher Charconac plädiert für die Pfalz-Neuburg-Variante und gibt als Vater Jean Thomas Enriquez de Cabrera an, Herzog von Rioseco, elfter und letzter Amirante von Kastilien, mit umfangreichem Besitz in Sizilien.

* Nach Ansicht der Madame de Pompadour war er ein Bastard des Königs von Portugal[13].

* Nach Casanova[14] war er ein italienischer Geigenspieler namens Catalani. Das Urteil des Venezianers, der selbst zeitweilig in einem Orchester Geige spielte, wiegt schwer: Saint Germain muss sicherlich in seinen jüngeren Jahren längere Zeit in Italien aufgewachsen sein.

* Der Minister des Markgrafen von Baden, von Gemmingen, will in Italien erfahren haben, er sei der Sohn eines Steuereinnehmers aus San Germano in Piemont namens Rotondo und um 1710 geboren[15].

Saint Germain war vielsprachig – er sprach perfekt italienisch, deutsch, spanisch, portugiesisch, französisch (mit Piemonter Akzent), englisch und las einige tote Sprachen. Geographisch deutet das sowohl zur Iberischen Halbinsel als auch ins italienische Piemont.

Über sein Geburtsdatum ist nichts bekannt. Zur Zeit seines Auftretens in Paris (ca. 1756) schätzt ihn Madame du Hausset auf um die 50.
Trivia und Ergänzungen [Bearbeiten]

Saint-Germain propagiert gerne einen Tee aus Senna-Blättern, die damals aus Äthiopien/Arabien eingeführt wurden und eine abführende Wirkung haben. Der Tee ist noch im 19. Jahrhundert in Deutschland und Dänemark als „Saint-Germain-Tee“ bekannt.

Die Bemerkung von Voltaire in einem Brief an Friedrich den Großen vom 15. April 1760, Saint-Germain sei „ein Mann der niemals stirbt und alles weiß“, ist ironisch gemeint. Saint-Germain irritiert zu dieser Zeit durch sein Auftreten in London Friedrich den Großen, dessen eigenen Unterhändler der französische Außenminister Choiseul festnehmen lässt um „die Österreicher zu beruhigen“, die über einen möglichen Separatfrieden der Franzosen im Siebenjährigen Krieg besorgt sind. In einem Antwortbrief an Voltaire nennt Friedrich ihn dann auch einen „Graf zum Lachen“ (Comte pour rire)[16].

Die Legende des Nicht-Alterns von Saint-Germain wirkte so stark, dass viele Memoirenschreiber ihn noch bis weit ins 19. Jahrhundert gesehen haben wollen (Comtesse de Genlis Memoirs 1825, u. a.). Anscheinend bestand auch eine Tendenz, seine Legende mit der des „Ewigen Juden“ zu verschmelzen.

Die Souvenirs de Marie Antoinette der Comtesse d'Adhemar, in denen behauptet wird, dass Saint-Germain Marie Antoinette vor einer blutigen Revolution der „Enzyklopädisten“ gewarnt hätte, sind eine Fälschung und stammen nicht von der Vertrauten der Königin, sondern von einem gewissen Lamothe-Langon. Von hier stammt die Legende, Saint Germain hätte auch die Zukunft vorhergesagt.

Der Arzt Franz Anton Mesmer, der die Lehre vom Animalischen Magnetismus (Bio-Energie) formuliert hat, soll angeblich ein Schüler des Grafen gewesen sein.

Die Spiritistin und gelehrte Begründerin der „Theosophie“ Madame Blavatsky hielt Saint-Germain für einen der „geheimen tibetischen Weisen“. Ihre amerikanische Schülerin Isabel Cooper-Oakley versuchte, das zu untermauern und betrieb intensive Archiv-Studien, die sie in ihrem Buch publizierte. Von hier stammt die Legende, Saint-Germain wäre bis nach Persien und Indien gereist und hätte die Weisheitsbücher des Ostens im Sanskrit-Original studiert.

Napoleon III. ließ ein umfangreiches Dossier über Saint-Germain zusammentragen, das aber in der Zeit der Pariser Kommune in der Präfektur den Flammen zum Opfer fiel.

Das einzig erhaltene Bild von Saint-Germain stammt aus dem Nachlass der Marquise d'Urfé (danach der oben abgebildete Stich von N. Thomas). Casanova und Saint-Germain standen in Paris in Konkurrenz zueinander. Beide wollten Einfluss auf die reiche Witwe (Madame d'Urfé) gewinnen; Casanova ihres Geldes wegen, was er offen zugab. Die Motive von Saint-Germain blieben Casanova hingegen ein Rätsel, da er anscheinend nicht an ihrem Geld interessiert war.

Nach von Gleichen soll Saint-Germain auch ein guter Maler gewesen sein. In seiner Gemäldesammlung befand sich eine (echte?) Heilige Familie von Bartolomé Esteban Murillo. Aufmerksamkeit erregte Saint-Germain durch neuartige Farbmisch-Techniken, die Maler wie Maurice Quentin de La Tour und Charles André van Loo bewunderten.

Zu den zahlreichen chemischen Entdeckungen, die er vermarkten will, zählt auch ein goldähnliches Metall (er nannte es Similor, also simil or – ähnlich Gold), auch als Carlsgold bzw. Neu-Platinum bekannt. Sein Glanz scheint allerdings nach Berichten von Zeitgenossen nicht von Dauer gewesen zu sein und die daraus gegossenen Gegenstände liefen sogar schwarz an. Der Landgraf von Hessen-Kassel ließ aus diesem Material in Ludwigsburg (Schleswig-Holstein) unter anderem Medaillen gießen.

Dem Grafen von Saint Germain wird im Roman von Georges Langelaan, Les robots pensants von der jungen Heldin Penny Vanderwood das Handwerk gelegt (verfilmt 1975 als Schach dem Roboter mit Claude Jade als Penny und André Reybaz als Comte de Saint Germain)

Nach älteren Ausgaben von „Groves Dictionary of Music“ (3. Aufl. 1938) ist derjenige, der ca. 1745 in London Musik unter dem Namen St. Germain veröffentlichte, der italienische Komponist und Violinist Giovannini, bekannt als Autor von „Willst du dein Herz mir schenken“ im Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach. Er lebte seit 1740 in Berlin und starb 1782. Dies scheint auf einer Verwechslung zu beruhen, die zuerst in einem Künstler-Lexikon von Gerber 1812 unterlaufen war[17]. In London trug Saint-Germain unter anderem einige Arien für die mäßig erfolgreiche Oper L'incostanza delusa des italienischen Opernkomponisten Brivio bei (arrangiert von Geminiani), die die Samstage vom 9. Februar bis 20. April 1745 im Haymarket Theatre aufgeführt wurde. Er studierte dabei auch einige Lieder mit der Sängerin Giulia Frasi ein. Bei einigen Privatkonzerten sang Saint-Germain auch selbst. Lady Jemima Grey ist von seinem Stil, der Emotionen sehr plastisch zum Ausdruck bringt und seiner schwachen Stimme nicht sehr erbaut: ”His manner is beyond any description“.

Saint-Germain wird häufig verwechselt mit seinen Zeitgenossen, dem französischen General und Minister Claude Louis de Saint-Germain oder dem Okkultisten Robert-Francois Quesnay de Saint-Germain.

In okkulten Kreisen gilt Saint-Germain als Autor des Manuskripts der heiligsten Trinosophie, eine initiatorische, alchimistische Offenbarung mit erklärenden okkulten Symbolen ist.
Zitate [Bearbeiten]

Casanova, Memoiren[18]:

„Er gab sich in jeder Hinsicht als Wunderknabe. Er wollte verblüffen und verblüffte auch tatsächlich. Er hatte eine entschiedene Art zu sprechen, die jedoch nicht missfiel, denn er war gelehrt, sprach fließend alle Sprachen, war sehr musikalisch, ein großer Kenner der Chemie, besaß angenehme Züge und verstand es, sich bei allen Frauen beliebt zu machen.“

Der preußische Botschafter in Dresden, Graf Alvensleben 1777[19]:

„Er ist ein hochbegabter Mann mit hellwachem Verstand, doch ohne jede Urteilskraft. Er hat seinen einzigartigen Ruf nur durch erniedrigendste und gemeinste Schmeichelei erworben, deren ein Mensch fähig ist, und durch seine außerordentliche Eloquenz, mit der er sich, insbesondere wenn man sich von dem Eifer und Enthusiasmus mitreißen lässt, artikulieren kann. Die Triebfeder seines Handelns ist seine bodenlose Eitelkeit.. Er ist anregend und unterhaltend in Gesellschaft, so lange er nur erzählt. Doch sobald er versucht, eigene Gedanken zu entwickeln, kommt seine ganze Schwäche zum Vorschein... Doch wehe dem, der ihm widerspricht.“

Literatur [Bearbeiten]
Quellen [Bearbeiten]

* Madame du Hausset: Memoirs, Paris 1824 (Kammerfrau der Pompadour), englische Ausgabe
* von Gleichen: Souvenirs, Leipzig 1847, Paris 1868 (der dänische Gesandte in Paris war mit Saint Germain befreundet), Online
* Alfred von Arneth: Graf Philipp Cobenzl und seine Memoiren. Gerold, Wien 1885 (Saint Germain richtete für den kaiserlichen Statthalter in den habsburgischen Niederlanden eine Tuchfärberei ein, zerstritt sich aber mit ihm), Online
* Karl von Hessen-Kassel: Memoires de mon temps, Kopenhagen 1861, online hier [1]
* Grosley: Memoirs in: Oeuvre inedits Bd. 3, 1813 (Grosley ist vor allem als Reiseschriftsteller bekannt)
* Casanova: Memoiren, Propyläen-Ausgabe
* Casanova: Soliloque d un penseur, Correspondance inedit 1773-1783, Paris 1926, Jean Fort (Hrsg.), 148 Seiten

Sachbücher [Bearbeiten]

* Friedrich Bülau: Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen. Reclam, Leipzig 1892 ff
o 3. Cagliostro, Der Graf von Saint-Germain u. a. 1893, deutsche Ausgabe
* Andrew Lang: Historical mysteries, 1904, Kapitel Saint Germain the deathless, online bei [2]
* Charles Mackay: Extraordinary popular delusions and the madness of crowds, London 1841, mehrfach nachgedruckt, online in Bd. 3 bei [3]
* Paul Chacornac: Le Comte de Saint Germain, Editions Traditionnelles, Paris 1989 (Repr. d. Ausg. Paris 1947, Chacornac Frères) (Standardwerk)
* Pierre Lhermier: Le mysterieux comte de Saint Germain, Paris, Edition Colbert, 1943
* Gustav Berthold Volz (Hrsg.): Der Graf von Saint Germain – das Leben eines Alchemisten nach großenteils unveröffentlichten Urkunden, Dresden, Paul Aretz Verlag 1923, 1925 (Standardwerk, Abdruck fast aller bekannten Dokumente und Memoirenausschnitte)
* Jean Overton Fuller: The Comte de Saint-Germain, London 1988
* Isabel Cooper-Oakley: The Comte de Saint Germain. The secret kings. The Theosophical Publishing House, London 1985, ISBN 07229-5146-9 (Repr. d. Ausg. Mailand 1930) (Abdruck vieler Dokumente, teilweise aber unzuverlässige Quellen)
* Christiane Feuerstack: Graf Saint Germain. Im Spiegel der Widersprüche. Borbyer Werkstatt Verlag, Eckernförde 2004, ISBN 3-924964-22-X
* Manly P. Hall: The most holy trinosophia of the Comte de St. Germain. The Philosophical Research Society, Los Angeles, Calif. 1962 (mit Kommentar und Biografie) (Zuschreibung dieses Buches an Saint-Germain unsicher)
* Maurice Heim: Le vrai visage du Comte de Saint Germain. Gallimard, Paris 1957
* Willers Jessen: Der Graf Saint-Germain 1907, reprint Jahrbuch Heimatgemeinschaft Eckernförde Heft 5, Eckernförde 2004
* Heinrich Benedikt: Die Geheimnisse des Grafen von Saint-Germain, in Benedikt: Als Belgien österreichisch war, Verlag Herold, Wien 1965, S.131-143 (mit Wiedergabe von Teilen des Briefwechsels von Kaunitz und Cobenzl)
* L. A. Langeveld: Der Graf von Saint Germain. Der abenteuerliche Fürstenerzieher des 18. Jahrhunderts. Starczewski, Höhr-Grenzhausen 1993, ISBN 3-925612-22-X (Repr. d. Ausg. Berlin 1930) (unzuverlässige Quellen)
* Jean Moura, Paul Louvet: Saint Germain, le Rose-Croix immortel. Editions J'ai Lu, Paris 1973 (Repr. d. Ausg. Paris 1934)
* Irene Tetzlaff: Unter den Flügeln des Phönix. Der Graf von Saint Germain; Aussagen, Meinungen, Überlieferungen. Mellinger Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-88069-289-0. (teilweise unzuverlässige Quellen)
* Hartmut Verfürden: Der Graf von St. Germain – Skizzen eines Lebensweges, in: Landgraf Carl von Hessen, Vorträge zu einer Ausstellung, hrsg. von Landesarchiv Schleswig-Holstein, Schleswig 1997, Seite 139ff
* Hartmut Verfürden: Der Graf von Saint-Germain und Eckernförde, in: Wer war „Graf Saint-Germain“: eine historisch-kritische Bestandsaufnahme, Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde e.V. : Beihefte „Materialien und Forschungen aus der Region“; 5, Eckernförde 2004
* Colin Wilson: Das Okkulte, März Verlag 1982, reprint Fourier 1995 (engl. Original 1971), S. 449ff
* Rives Childs: Casanova, Blanvalet 1977, reprint Büchergilde Gutenberg 1978, S.100ff
* Franz Wegener: Der Freimaurergarten. Die geheimen Gärten der Freimaurer des 18. Jahrhunderts, Gladbeck 2008, ISBN 978-3-931300-22-7.

Belletristik [Bearbeiten]

* Eduard Maria Oettinger: Der Graf von Saint-Germain, Reclam 1846
* Karl May: Ein Fürst des Schwindels (1878). In: Das Zauberwasser und andere Erzählungen (Gesammelte Werke; 48). Karl-May-Verlag, Bamberg 2000, ISBN 3-7802-0048-1 (eine von May selbst stammende Variante der Erzählung trägt den Titel Aqua benedetta, 1880)
* Irene Tetzlaff: Der Graf von Saint Germain. Licht der Finsternis. Mellinger, Stuttgart 1980, ISBN 3-88069-020-0
* Peter Krassa: Der Wiedergänger. Das zeitlose Leben des Grafen St. Germain. Herbig, München 1998, ISBN 3-7766-2062-5
* Alexandre Dumas: Die Halsbandaffaire (Cagliostro, der der Dubarry eine düstere Zukunft vorhersagt, trägt deutliche Züge von Saint-Germain)
* Chelsea Quinn Yarbro: Hotel Transylvania. Festa, Almersbach 2003, ISBN 3-935822-57-X; Palast der Vampire, Festa Verlag, Leipzig 2005, ISBN 3-86552-012-X (Der Graf von Saint-Germain taucht in beiden Romanen als Hauptfigur als Vampirgraf auf, es wird Bezug auf seine musikalischen, historischen und alchemistischen Kenntnisse genommen und ähneln ziemlich genau den Beschreibungen des historischen Grafen von Saint-Germain. Einige Hintergrundinformationen lassen sich am Ende des Buches Hotel Transylvania finden)

Als Nebenfigur taucht Saint-Germain unter anderem in folgenden Büchern auf:

* Alexander Sergejewitsch Puschkin: Pique Dame, 1834, online in [4]
* William Makepeace Thackeray: The notch and the axe, in: Rounabout papers, 1862, online in [5]
* Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Kapitel 44 als Marquis Bellmare, 1910, online bei [6]
* George Sand: La Comtesse de Rudolstadt, 1843
* Edward Bulwer-Lytton: The haunted and the haunters, 1857, online in [7]
* Horst Wolfram Geißler: Der Puppenspieler, München 1929
* Alexander Lernet-Holenia: Der Graf von Saint-Germain, Zürich 1947 (nur eine Prophezeiung von Saint Germain spielt in dem Roman eine Rolle)
* Mária Szepes: Der rote Löwe, 1984
* Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel, 1988
* Kai Meyer: Die Unsterbliche, Heyne 2001
* Andreas Wilhelm: Projekt Babylon, Limes 2006
* Raymon Khoury: Sanctuary, Orion Books 2007
* Michael Scott: Die Geheimnisse des Nicholas Flamel (Fantasyreihe, 2007ff)
* Kerstin Gier: Rubinrot. Arena, Würzburg 2009, ISBN 978-3-401-06334-8
* Kerstin Gier: Saphirblau. Arena, Würzburg 2010, ISBN 978-3-401-06347-8, Rubinrot, Saphirblau & Smaragdgrün,2008,2010, online in [8]

Weblinks [Bearbeiten]

* Literatur von und über Graf von Saint Germain im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
* Isabel Cooper-Oakley The Comte de St.Germain, 1912
* Wirken in Schleswig-Holstein, Neuaufnahmen seiner Kompositionen, Bibliographie von Friedrich Radam u. a., von Peter Schraud, Aljoscha Feuerstack u. a.
* David Hunter The great pretender zu Saint Germain, speziell zu seiner Musik, Brief von Lady Jemima Grey zu einer seiner Aufführungen, englisch

Einzelnachweise [Bearbeiten]

1. ↑ Brief an Horace Mann vom 9. Dezember 1745, zitiert bei Andrew Lang: Historical mysteries.
2. ↑ Saint Germain selbst äußerte sich gegenüber von Gleichen folgendermaßen: „diese Pariser Idioten (ces betes de parisien) glauben, dass ich 500 Jahre alt bin, und ich bestätige sie in dieser Auffassung, da ich sehe, dass es ihnen Vergnügen bereitet – was nicht heißen soll, dass ich nicht sehr viel älter bin als ich erscheine“. Bald schon tauchten einige sehr populäre Imitatoren, wie ein gewisser „Milord Gowers“, auf, die seine Legende ausbauten.
3. ↑ vgl. Janusz Piekalkiewicz Weltgeschichte der Spionage, Weltbild Verlag 1988, S. 168ff, wo er ausführlich auf die Agenten des Secret du Roi eingeht (Casanova, d’Eon), aber Saint Germain übersehen hat.
4. ↑ Entsprechende Behauptungen finden sich in vielen älteren Lexika, aber auch noch zum Beispiel in der Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 2001 (CD Ausgabe). Auch in dem Buch von Langeveld und in dem von Lhermier wird dies behauptet und St. Germain mit einem gewissen Odard identifiziert, der nach der Schilderung des Putsches von de Rulhiere eine wichtige Rolle im Auftrag der Franzosen dabei spielte. De Rulhiere berichtet allerdings auch, dass dieser sich in Nizza zur Ruhe setzte und dort verstarb, an einem Herzanfall (Coup de Tonnere), de Rulhiere: Histoire d’Anarchie de Pologne (Abdruck seiner Anecdotes Sur la Revolution de Russie, die das Datum 1773 tragen, im Anhang), Bd. 4, 1807, S. 402.
5. ↑ Grigori Orlow nannte ihn gegenüber dem Markgrafen von Ansbach: Ein Mann der eine große Rolle in unserer Revolution gespielt hat (Voilà un homme qui a joué un grand role dans notre revolution, Bülau Personnages enigmatiques, Paris, 1861, Bd.1, S. 344, die entsprechenden Stellen sind auch bei Volz abgedruckt). Freundschaftliche Beziehungen von St. Germain zu den Orlows sind mehrfach belegt, zum Beispiel bei einem Besuch von Saint Germain bei der von Alexei Grigorjewitsch Orlow kommandierten russischen Flotte in Livorno 1770, wo sich Saint Germain Graf Saltikoff nannte. Zur Finanzierung des Putsches benötigte Katharina eine hohe Anleihe. Offiziell weigerte sich der französische Botschafter de Breteuil, kurz darauf erhielt sie aber 100.000 Rubel von einem englischen Kaufmann namens „Weldten“ (Gina Kaus: Katharina II., Bechtle Verlag, S. 226), was ähnlich klingt wie der nachweislich von St. Germain benutzte Deckname Welldone. Andererseits geht aus Erinnerungen von Hardenbroek, abgedruckt bei Volz, hervor, das er März bis August 1762 in Holland war. Der Putsch war Ende Juni. St. Germain hatte aber Kontakte zum Umfeld von Katharina II., er verkehrte in Paris viel im Haus der Mutter der späteren Zarin. Nach Chacornac (Le Comte de Saint Germain, 1947, S. 116f), der selbst trotz intensiver Suche keine Beweise für die Teilnahme am Putsch finden konnte, war Saint Germain früher im Jahr 1762 mehrere Monate in St. Petersburg, wo er seinen Freund, den italienischen Hofmaler Pietro Rotari besuchte. Ein Aufenthalt in St. Petersburg ist auch aus einer anderen Quelle, dem Tagebuch des französischen Diplomaten Baron de Corberon Journal intime, Paris 1901, Bd.1, S.195, belegt: der Genfer Astronom Jean-Louis Pictet (1739-1781) erzählt ihm 1776 in St. Petersburg, das sein Schwiegervater Magnan, ein Diamantschleifer, defekte Edelsteine für St. Germain zurücklegte.
6. ↑ entsprechende Briefe bei Volz, S. 324ff.
7. ↑ Dies wird von Casanova in dessen Memoiren bestätigt. Casanova schildert ihre letzte Begegnung in Tournai, wo er 1763 mit Unterstützung des Graf Cobenzl eine Färberei einrichtete. Saint-Germain versuchte, den skeptischen „Kollegen“ Casanova durch alchemistische Taschenspielertricks zu beeindrucken. Casanova gibt dann an, das Saint-Germain zur Zeit der Abfassung seiner Memoiren (um 1790) schon 7-8 Jahre tot sei und in Schleswig – das er falsch schreibt – verstarb.
8. ↑ Das war auch ein Grund, warum sich die Wege von Saint Germain und des Markgrafen von Ansbach trennten, denn dieser stellte Nachforschungen an und bezweifelte die Abkunft von Rákóczi (Colin Wilson S. 453).
9. ↑ Ein im Genealogischen Archivarius von 1736 veröffentlichtes Testament von Rákóczi erwähnt aber einen dritten Sohn, den er den Testamentsvollstreckern wie dem Herzog von Maine und dem Grafen von Toulouse anvertraut.
10. ↑ Grosley, Memoiren, er will dies in Holland gehört haben.
11. ↑ von Gleichen, Memoiren.
12. ↑ ein bekannter deutscher Kunstsammler in Florenz, zeitweise Doppel-Agent der Engländer bei den Jakobiten in Rom.
13. ↑ Memoiren ihrer Kammerfrau du Hausset.
14. ↑ Soliloque d un penseur, Prag 1784, nach Fußnote in Propyläen Ausgabe von Casanovas Memoiren, Bd. 5, S. 326. In seinem Buch geht er auf einer einzigen Seite auf Saint Germain ein und lässt nochmals seine Bewunderung durchblicken (Rives Childs, „Casanova“, S. 101).
15. ↑ Volz Saint Germain
16. ↑ Voltaire, Werke, Beugnot ed., Bd. 58, Briefe Nr. 2892, 2996
17. ↑ John Hendrik Calmeyer The Count of Saint Germain and Giovannini – a case of mistaken identity, Music and letters Bd. 48, 1967, S. 4 sowie in New Grove's Dictionary of Music und Thesis University North Carolina 1964. Zu Saint-Germain und seiner Musik siehe auch Johan Franco The Count of Saint Germain, The Musical Quarterly, Bd. 36, 1950, S. 540
18. ↑ Propyläen-Ausgabe Bd. 5, S. 143
19. ↑ Brief an Friedrich den Großen 25. Juni 1777, zitiert bei Colin Wilson, S. 454. Gegenüber dem Original in Volz S. 310 etwas gerafft.
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Beitrag von Gast am Mi 24 Nov - 5:06

Das passt ja wieder zu der Story über "Sion" und "Raron" (über das wir beide schonmal geschrieben haben)
in der Nähe von Sion gibt es einen Ort der "Saint-Germain" heist....genauso wie es überhalb von Raron den Ort "Sankt German" gibt...werd mich mal hier vor Ort schlau machen ob es da irgendeinen Zusammenhang gibt.....
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Beitrag von Brainfire© am Mi 24 Nov - 9:43

Boooo das ist mir noch gar net aufgefallen ....
interessant mach das mal ....
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Der Graf St.Germain Empty Re: Der Graf St.Germain

Beitrag von Brainfire© am So 28 Nov - 21:01

Und hier noch ein Berricht über den Grafen von einer anderen Recherchen Quelle Razz.Krassa

Wer war der Graf von Saint-Germain?


von Peter Krassa

Der Graf von Saint-Germain, seine Herkunft, Abstammung und wirkliche Identität blieb bis heute unbekannt. Er verwandelte Blei in Gold und schuf künstliche Diamanten. Zudem schien er nie zu altern, und er behauptete, Jesus und Kleopatra persönlich gekannt zu haben Keineswegs zufällig nannten (und nennen) ihn seine zahlreichen Bewunderer in geheimen Bruderschaften und esoterischen Zirkeln 'Sphinx von Europa', und wenn sie von ihm sprechen, bezeichnen sie ihr Idol respektvoll als 'Meister'.

Mehr als zwei Jahrhunderte sind seit jener Zeit vergangen, in der diese geheimnisvolle Persönlichkeit europaweit in Erscheinung trat. Denn ihr offiziell im Sterberegister der Sankt-Nikolaus-Kirche in Eckernförde verzeichnetes Ableben, am 27. Februar 1784, erfolgte (wie aus diesem Datum unschwer zu ersehen ist) bereits im 18. Jahrhundert. Und doch gibt es (und gab es) im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte nicht wenige Menschen, die glaubhaft behaupteten, dem angeblich Verstorbenen lange nach seinem angeblichen Tod wahrhaftig begegnet zu sein. Für die vielen Verehrer dieses außergewöhnlichen Mannes durchaus verständlich: denn für sie ist es Gewissheit, dass der vielfach als 'Wundermann' und 'Unbegreiflicher' bezeichnete immer noch lebt und schlechthin als unsterblich bezeichnet werden muss. Der so genannte Graf von Saint-Germain.

Zwar leitete der Betreffende seinen Namen von einem berühmten französischen Adelsgeschlecht ab, und seine Wiege schien an irgendeinem Fürstenhof gestanden zu haben, aber letztendlich dürfte es eher höchst ungewiss sein, dass der Graf von Saint-Germain derjenige war, für den er sich auszugeben beliebte. Zeitlebens war er bestrebt, seine eigentliche familiäre Herkunft, sein tatsächliches Alter sowie den Ort seiner Geburt geheim zu halten. Vielmehr war er, um davon abzulenken, in der Zeit seines Auftretens (in welchen Ländern Europas das auch geschah) bestrebt, seine Umwelt, die Menschen, denen er begegnete, mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten und Kenntnissen zu verblüffen. Sein Sprachtalent schien universell zu sein, und er besaß zudem ein ungemein vielfältiges Wissen. So beherrschte er die Kunst, Blei in Gold zu verwandeln ebenso wie die Fertigkeit, Edelsteine 'aus der Retorte' herzustellen. Hauptsächlich aber war der Graf von Saint-Germain 'im Dienst der Krone', jener Frankreichs (gelegentlich aber auch im Auftrag der Herrschenden in Preußen oder Österreich), unterwegs. Was zur logischen Folge hatte, dass dieser angebliche Aristokrat fast ständig auf Reisen war. Als Agent oder Geheimkurier, Diplomat oder als getarnter Angehöriger verschiedenster Geheimbünde. Saint-Germain, der sowohl den Freimaurern, Rosenkreuzern, Illuminaten, Kabbalisten als auch den Maltesern als tätiges oder beratendes Mitglied angehörte, bewältigte derartige delikate Aufgaben auf seine spezielle Art und Weise: er wechselte hierfür 'je nach Erfordernis' Aussehen, Kleidung und Persönlichkeit. Und selbstverständlich bediente er sich für seine wechselnden Identitäten auch jeder Menge falscher Namen und Titel. Rund achtzig Pseudonyme waren ihm dabei nachzuweisen.

In esoterischen, okkultistischen Kreisen sah (und sieht) man in ihm einen 'Wiedergänger'. Eine Person also, der es vorbehalten scheint, das Mittel gefunden zu haben, nie mehr zu altern, und die zudem die Möglichkeit vorfindet, 'durch die Zeit' zu reisen. Das würde bedeuten, dass der Graf von Saint-Germain nach wie vor existiert, uns theoretisch irgendwo und irgendwann einmal begegnen könnte. Tatsächlich gibt es mehrere Hinweise, die auf den geheimnisvollen Graf hinzudeuten scheinen. Wobei der 'Wiedergänger', wie gewohnt, unter verschiedenen, aber auch seinem eigentlichen Namen in Erscheinung trat.

Drei Beispiele mögen dies untermauern. 'Nennt mich Showman oder Televisionär...' Glückliche Umstände haben uns das Tagebuch eines einfachen Landsknechtes erhalten, das dieser im Jahre 1618 niederschrieb. Darin ist von einem gewissen Montsalveri die Rede, der gegenüber seiner Umwelt ein recht merkwürdiges Verhalten an den Tag legte. Den Tagebuchnotizen des Landsknechtes zufolge, kam jener Montsalveri eines Tages in ein Wirtshaus und erregte dort, aufgrund seiner eigentümlichen Aussagen und seines nicht weniger ungewöhnlichen Auftretens, großes Aufsehen unter den Gästen. Dies solange, bis die Wirtin ihre Neugier einfach nicht mehr bezähmen konnte und von dem Fremden wissen wollte: 'Sind Sie vielleicht ein Zauberkünstler?' Montsalveri musste bei dieser naiven Frage lächeln und gab zur Antwort: 'Nennet es so, Madame, doch werdet Ihr mich nicht auf Messen, Märkten oder dergleichen finden. Ich treibe meine Künste aus freier Profession. Nennet mich Showman, Televisionär oder wie Ihr sonst es möget. Der Name hierfür ist Schall und Rauch...' Wer in unserer, von den elektronischen und Print-Medien durchdrungenen Zeit so antworten würde, dann könnte man ihn sicher verstehen. Aber das Tagebuch jenes Landsknechtes wurde vor rund 380 (!) Jahren geschrieben, und dieser einfache, uns heute unbekannte Mann begegnete den ihm rätselhaft erscheinenden Fremden somit im 17. Jahrhundert! Was veranlasste diesen, sich schon damals der Bezeichnung 'Televisionär' oder 'Showman' zu bedienen?

Aber das war längst nicht alles, was die erstaunten und sicher auch verwirrten Bauern des Jahres 1618 zu hören bekamen. Wusste doch besagter Montsalveri auch noch mancherlei aus dem Jahre 2000 (sic!) zu berichten. Ob ihm das Gesinde glaubte oder sich lediglich amüsieren wollte, bleibt dahingestellt. Einige der Landsknechte wollten jedenfalls mehr von dem eigenartigen Besucher erfahren: 'Erzählen Sie uns doch etwas aus Ihrem Leben', begehrten sie zu wissen und der Angesprochene zierte sich keineswegs, dies zu tun:

'Gerne komme ich euren Wünschen nach, denn in ein paar Jahrtausenden sammelt sich so manches an.' Wir müssen dem gewissenhaften, anonym gebliebenen Tagebuchschreiber noch nachträglich dankbar sein, dass er das von Montsalveri Berichtete tatsächlich zu Papier gebracht hat auch wenn er das Wiedergegebene (wie auch die übrigen Wirtshausgäste inklusive der Wirtin) in seiner Bedeutung nicht zu verstehen vermochte. Wie sollte er auch, wenn er da von seltsamen Wagen erfuhr, die imstande waren, sich ohne von Pferden gezogen zu werden aus eigener Kraft rasend schnell vorwärts zu bewegen? Wie sollte er sich Fahrzeuge vorstellen können, die in beliebige Richtungen fliegen? Völlig absurd musste ihm und den anderen Zuhörern die Behauptung des Fremden erscheinen, in ferner Zukunft würde es sogar Maschinen geben, die selbständige Denkprozesse durchführen könnten. Computer und ähnliches waren damals, verständlicherweise, doch völlig undenkbar...

Doch Montsalveri ließ es mit derartigen Utopien noch längst nicht genug sein. Kaum hatte er seine phantastischen Aufzählungen jener wundersamen Dinge beendet, forderte er die erstaunten Bauern auf, ihm ein bestimmtes Pergament zu unterschreiben. Aber keineswegs mit einem damals gebräuchlichen Federkiel. Vielmehr holte der Unbekannte plötzlich ein kleines, undefinierbar scheinendes Etwas aus seiner Rocktasche und forderte die ratlos Umherstehenden auf, sich dieses unerklärlichen Schreibgerätes zu bedienen: 'Schreibet ruhig damit es stammt aus dem Jahre 2000!' Zögernd, aber nichtsdestotrotz von Neugier beseelt, tat einer nach dem anderen das Gewünschte. Ohne 'das Ding' in ein Tintenfass eintauchen zu müssen, kritzelte jeder der Anwesenden seinen Namen auf den Pergamentbogen. Danach steckte Montsalveri sein Schreibzeug wieder ein und war im nächsten Augenblick spurlos verschwunden! Den verblüfften Bauersleuten kam es vor, als hätte den rätselhaften Besucher ein Erdloch verschluckt. Verzweifelt suchte man nach dem Fremden in allen Räumlichkeiten des Gasthauses. Kein Winkel des Gebäudes wurde vergessen. Aber alle Mühe war vergebens der geheimnisvolle Gast schien sich buchstäblich in Luft aufgelöst zu haben. Worum hatte es sich bei jenem seltsamen Schreibzeug, das der Tagebuchschreiber (mangels geeigneter Bezeichnung) als 'Spänlein' angegeben hatte, gehandelt? Um eine Art (oder Abart) von Utensilien, die uns heute als Kugelschreiber geläufig ist? Und 'Montsalveri'? Hieß der Besucher wirklich so? Oder handelte es sich bei diesem Namen lediglich um eines der vielen Pseudonyme des Grafen von Saint-Germain? War der so genannte 'Wiedergänger' wieder einmal 'durch die Zeit' gereist?

Aus einer (uns heute näher gerückten) Zukunft dem Jahre 2000 direkt retour ins 17. Jahrhundert? Welche Manipulationsmöglichkeiten, die Zeit und ihre Epochen betreffend, waren diesem Mann gegeben? Hat er auch in unserem Jahrhundert (dem zwanzigsten) seine Spuren hinterlassen? So unglaublich das auch scheinen mag es könnte tatsächlich so gewesen sein... Ungewöhnliches aus Feldpostbriefen Zeitlebens hat er nicht begriffen, was ihm da widerfahren ist. Wir verdanken es zwei von ihm geschriebenen Feldpostbriefen, dass mysteriöse Geschehnisse aus ihrem Dunkel ins Licht gerückt worden sind. Der oberbayrische Schreinermeister Andreas Rill, von ihm ist hier die Rede, schrieb sie im Jahre 1914 an seine Angehörigen in der Heimat, und er erzählte in den beiden Schreiben vom 24. und 30. August von der Bekanntschaft mit einem Zivilisten, den der Leutnant seiner Kompanie an der Schwarzwälder Vogesenfront festgenommen und an der Flucht gehindert hatte. Der Fremde beherrschte mehrere Sprachen und unterhielt sich mit den Kompanieangehörigen vorzugsweise deutsch und französisch. Doch das war es nicht, was Andreas Rill in Erstaunen versetzte. Was die Soldaten dem Fremden einfach nicht glauben wollten, worüber sie lachten und ihn deshalb als 'spinnad' (phantasierend) bezeichneten: Der unbekannte Zivilist vermöchte offenbar in die Zukunft zu schauen.

Hatten der Schreinermeister Rill und seine Kameraden in jenen Augusttagen fest angenommen, dieser eben begonnene Krieg würde spätestens bis Weihnachten beendet sein, und sah sich unser bayerischer Soldat im Geist bereits wieder mit seinen Lieben im Heimatort Untermühlhausen vereint, so widersprach dem die Behauptung des Fremden, dieser Krieg der Erste Weltkrieg würde noch Jahre dauern und viele Opfer fordern. Der bewusste Feldpostbrief, der die Aussagen des Kriegsgefangenen enthält und nachweislich von dem oberbayerischen Schreinermeister verfasst worden ist, hat jeder Überprüfung standgehalten und gilt als echt. Andreas Rill hat somit sein seltsames Erlebnis dokumentarisch festgehalten und der Nachwelt überliefert. Der Chronist starb 1952 als 71jähriger. Was den Schreinermeister so maßlos verblüffte und in Erstaunen versetzte, waren die zahlreichen Angaben des Fremden, die sich ausschließlich auf zukünftige Ereignisse bezogen. Der Krieg, behauptete der Gefangene, sei für Deutschland verloren, er würde ins fünfte Jahr gehen, dann gäbe es Revolution. Aber auch dadurch würde nichts besser werden. Das Volk wäre allerdings plötzlich reich, und es hätte dann jeder so viel Geld, dass er es zum Fenster hinauswerfen könnte, und niemand würde es aufheben.

In dieser Zeit würde im äußersten Russland der Antichrist geboren werden, aber erst in den fünfziger Jahren in Erscheinung treten. Doch zuvor würde sich ein Mann aus der niederen Stufe in Deutschland bemerkbar machen. Er huldigte der Gleichmacherei, und das Volk hätte nichts mehr zu reden. Seine Befehle würden mit einer Strenge durchgesetzt, dass es den Leuten das Wasser bei allen Fugen heraus triebe. Es würde ihnen mehr genommen als gegeben werden, ohne dass sie es merkten. Jeder Tag brächte neue Gesetze, und viele Menschen erlitten dadurch manches oder stürben gar. Diese Zeit begänne circa 32 (= 1932) und dauere neun Jahre. Aber der nachfolgende Krieg würde für diesen Mann schlecht enden, ebenso für seinen Anhang. Für den biederen Andreas Rill waren diese Voraussagen 'böhmische Dörfer'. Er wusste damals nichts von bevorstehenden Umstürzen, nichts von heraufdämmernden Inflationen, und spätere Diktatoren wie Stalin und Hitler stellten für ihn unbekannte Faktoren dar. Rill nahm die Prophezeiungen des Unbekannten nicht ernst, auch nicht jene, in denen von einem dritten Weltkrieg die Rede war. Er würde 28 oder 58 Tage dauern: 'Ich habe es nicht mehr in Erinnerung', entschuldigte sich der Bayer, als er am 7. August 1947 dem aus seinem Heimatdorf stammenden Pater Balthasar Gehr von den merkwürdigen Äußerungen des Fremden berichtete.

Russland würde gegen die Türkei, Deutschland, Polen und Frankreich kämpfen, während England und Amerika 'mit sich selbst beschäftigt' wären. Als wir ihn bedrängten, sagte er nur immer wieder: ,Wenn ihr wüsstet, was ihr vor euch habt, würdet ihr große Augen machen!', verwunderte sich der Schreinermeister auch noch im Rückblick auf das ihm Prophezeite. Wer war jener Seher gewesen? Wer besaß die ungewöhnliche Gabe, in die Zukunft schauen zu können? War der sprachgewandte Zivilist womöglich gar aus der Zukunft gekommen? Als Zeitreisender? Andreas Rill hat uns den Namen dieses Mannes leider nicht überliefert. Wahrscheinlich kannte er ihn gar nicht. Aber einen Namen muss der Fremde zweifellos gehabt haben. Hatte er ihn damals bewusst verschwiegen? Rill registrierte in seinen Feldpostbriefen immerhin die Tatsache, dass der Unbekannte perfekt Deutsch und Französisch sprechen konnte. Sollte es sich hierbei tatsächlich um den Grafen von Saint-Germain gehandelt haben? Gut möglich. So er in der Lage gewesen sein sollte, jederzeit die Barrieren der Zeit zu überwinden. Machte sich der 'Wiedergänger' auch vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren, im Januar 1972, bemerkbar?

Auf französischem Boden? Ein Alchimist im Fernsehen? Selbst erfahrene Fachleute schüttelten damals verständnislos die Köpfe, während sie der Darbietung eines jungen Mannes folgten, die dieser vor den TV-Kameras eines Pariser Fernsehstudios in eindrucksvoller Weise zelebrierte. Niemand der Anwesenden und auch keiner der unzähligen TV-Konsumenten vermochte plausibel zu erklären, auf welche Weise der Studiogast sein alchimistisches Experiment abgewickelt hatte. Begonnen hatte es mit der Anfrage eines etwa 25jährigen Franzosen, der sich bei einer Pariser Fernsehstation gemeldet und als Richard Chanfray vorgestellt hatte. Selbstbewusst machte er den überraschten TV-Bossen das Angebot, vor laufender Kamera und unter lediglicher Zuhilfenahme eines gewöhnlichen Campingkochers, Blei in Gold verwandeln zu können. War man dort zunächst skeptisch bis unwillig, dem jungen Möchtegern-Alchimisten kostbare Sendezeit zur Verfügung zu stellen, siegte schließlich die Neugier. Zudem erwartete man sich einen spektakulären Reinfall des Monsieur Chanfray und so stimmten die Herren schließlich zu, dessen unglaubwürdiges Experiment zu gestatten. Was niemand ernsthaft angenommen hatte, trat tatsächlich ein: Ein simpler Campingkocher genügte dem außergewöhnlichen Studiogast voll und ganz, und obwohl man ihm sowohl im Studio selbst als auch vor den Fernsehschirmen scharf auf die Finger sah, vermochte niemand während der Darbietung einen Taschenspielertrick wahrzunehmen. Richard Chanfray verwandelte vor aller Augen Blei in Gold! Danach lieferte er sogar noch eine 'Draufgabe': Mit verschiedenen, von ihm ins Studio mitgebrachten Ingredienzien braute er auf besagtem Miniherd auch noch ein Getränk, das er, nach dessen Fertigstellung, hochtrabend als 'Lebenselixier' bezeichnete.

Damit waren aber der Überraschungen noch nicht alle. Nach vollendetem Experiment stellte sich der junge Mann in Positur und verkündete seinem überraschten Publikum: 'Zwar nenne ich mich mit meinem bürgerlichen Namen Richard Chanfray aber in Wirklichkeit bin ich... der Graf von Saint-Germain!' Der unverfrorene Bluff eines Hochstaplers? Haltlose Publicity eines Angebers, der auf diese Weise ins Showgeschäft einzusteigen hoffte? Oder am Ende vielleicht doch das wahrheitsgemäße Eingeständnis jenes Mannes, dem als 'Wiedergänger' keine Zeitschranken gesetzt zu sein scheinen? Wie auch immer: Seit jenem außerordentlichen 'Gastspiel' in dem Pariser Fernsehstudio an einem Januarabend des Jahres 1972, hat man von dem ominösen Monsieur Chanfray nichts mehr gehört. Er scheint von der Bildfläche verschwunden zu sein. Aus gutem Grund?

Niemand vermag das zu sagen nur ein kleiner Nachtrag sei hier noch hinzugefügt: Als man das so genannte Elixier später in einem Labor genauer analysierte, stellte sich seine absolute Verwendbarkeit heraus. Allerdings: Eine Massenproduktion des Getränks wäre aufgrund seiner kostspieligen Beimischungen zu teuer gekommen. Gerüchte und Legenden Zu jenen Besonderheiten, deretwegen der vielseitige und umtriebige 'Wiedergänger' besonders gerühmt und (vornehmlich beim weiblichen Geschlecht) begehrt wurde, gehört zweifellos die Fama, Saint-Germain sei im Beisitz eines einzigartigen Wundermittels, das ihm gleichsam als Jungbrunnen diene, und was beigetragen habe, sein augenblickliches Alter (das damals auf etwa fünfzig Jahre geschätzt wurde) gleichsam zu 'konservieren'. In diesem Zusammenhang ist uns ein historischer Dialog überliefert, den Saint-Germain mit seiner damaligen Gönnerin, der Mätresse des französischen Königs Ludwig XV., Madame de Pompadour, nachweislich geführt hat. dass uns dieses Gespräch in vollem Umfang erhalten blieb, ist dem indiskreten Verhalten jener Frau zu verdanken, die als Erste Hofdame des königlichen Paares fungierte, damals aber nicht davor zurückscheute, dem vertraulichen Gespräch ihrer Herrin mit dem in außerordentlicher Audienz empfangenen adeligen Besucher, hinter einem Paravent verborgen, zu lauschen.

Und das keineswegs allein: Ihr zur Seite vernahm auch Ludwigs Kriegsminister, Marschall de Belle-Isle, was der Pompadour auf dem Herzen lag. Viele Jahre später brachte dann die bewusste Hofdame, Madame du Hausset, jene Erinnerungen sogar zu Papier und veröffentlichte sämtliche Indiskretionen in ihren 1824 erschienenen Memoiren. Der Pompadour war es bei der Unterhaltung mit dem geheimnisumwitterten Grafen einzig und allein um eines gegangen: Sie wollte sein 'Lebenselixier' erwerben, um sich damit ihre Schönheit und ihren Liebreiz zu erhalten und damit ihre bestimmende Position an der Seite von Ludwig XV. Der Graf von Saint-Germain hatte sehr schnell erkannt, aus welchem Grund er zur Audienz bei der Pompadour gebeten worden war. Ihre Einladung kam ihm (was die Vertraute des Königs aber nicht ahnte) durchaus gelegen. War es dem als 'Wundermann' sowohl in aristokratischen Kreisen als auch bei den gewöhnlichen Bürgern verschrienen Alchimisten doch geglückt, ein rosafarbenes, kristallklares Wässerchen im Labor herzustellen, das er als wirksames 'Lebenselixier' anpries. Mit Hilfe des Getränkes sei es dem Grafen gelungen, sein Alter aufzuhalten und somit sein jugendliches Aussehen zu bewahren.

Madame de Pompadour empfing Saint-Germain mit charmantem Lächeln, kam aber sehr rasch auf den eigentlichen Grund des vertraulichen Besuchs zu sprechen. Insgeheim nahm sie ihren Gast und dessen wundersame Talente, die man ihm allseits zusprach, nicht sehr ernst. Dennoch war sie bestrebt, dessen 'Lebenselixier' käuflich zu erwerben. Es konnte ja sein... Zunächst aber versuchte sie, das dem Grafen vorauseilende Gerücht ad absurdum zu führen, dieser sei bereits mehrere tausend Jahre am Leben, habe Christus persönlich kennen gelernt und mit der ägyptischen Kleopatra soupiert. Deshalb stellte sie ihrem ungewöhnlichen Gast die Suggestivfrage, um ihn damit in Verlegenheit zu bringen: 'Wie sah Franz I. eigentlich aus? Das war ein König, wie ich ihn hätte lieben können.' Der betreffende Monarch hatte Frankreich zu einer Zeit regiert, in der ihr Besucher schwerlich bereits gelebt haben konnte: König Franz I. regierte Frankreich nämlich im 16. Jahrhundert von 1494 bis 1547. Mehr als zweihundert Jahre waren inzwischen vergangen. Aber Saint-Germain ließ sich nicht erschüttern. Ungerührt entgegnete er: 'O ja, seine Majestät war wirklich sehr liebenswert...', und dann ließ er eine ziemlich genaue Beschreibung der äußeren Erscheinung des Regenten folgen.

Madame de Pompadour war bass erstaunt, schilderte ihr doch der gräfliche Besucher geradezu detailverliebt das Aussehen von Franz I. Angefangen von seinen Gesichtszügen bis hin zu der Figur des Königs. 'Leider hatte er ein zu hitziges Temperament', meinte Saint-Germain dann mit bekümmerter Miene, um bedauernd hinzuzufügen: 'Das machte es mir in der Folge unmöglich, Franz I. vor all dem Unglück, das ihn später ereilte, zu bewahren. Ich hätte ihm gar zu gerne einen trefflichen Rat gegeben aber er hätte ihn wohl nicht befolgt.' Madame de Pompadour war verblüfft. Und wahrscheinlich verstand sie auch die nachfolgende kritische Bemerkung des Grafen, die zu einem Gutteil auch ihrem Liebhaber, König Ludwig XV. zu gelten schien: 'Überhaupt sieht es so aus, als würde insgesamt ein Verhängnis über den Fürsten dieses Landes walten. Denn in besonders kritischen Situationen scheinen ihre Ohren die Ohren des Geistes verschlossen zu sein, taub und ignorant gegenüber selbst den besten Ratschlägen.'

Saint-Germains Unverfrorenheit reizte Ludwigs schöne Mätresse zu Widerspruch. Sie versuchte, ihr Gegenüber systematisch 'festzunageln'. Listig begehrte sie von ihm zu wissen: 'War der Hof von Franz I. eigentlich sehr schön?' Darüber konnte der Graf doch wohl kaum etwas in Erfahrung gebracht haben, war sie sich sicher. Der aber war nicht in Verlegenheit zu bringen. 'Dort war es wirklich sehr schön', entgegnete er und fügte hinzu: 'Allerdings: die Königshöfe seiner Enkel Franz II., Karl IX. sowie Heinrich III. (sie hatten in dieser Reihenfolge im Verlauf des 16. Jahrhunderts regiert) übertrafen an Schönheit den ihres Großvaters bei weitem. Vor allem zur Zeit der Maria Stuart und der Margarete von Valois war der Hof des jeweiligen Monarchen geradezu ein Zauberland sowie ein wahrer Tempel der Genüsse nicht nur der leiblichen, sondern auch der geistigen.' Der Graf von Saint-Germain schien geradezu in Erinnerungen zu schwelgen.

Auch wenn sie ihn immer noch für einen Hochstapler hielt, musste Madame de Pompadour über so viel Keckheit ihres Gastes lachen. 'Wie es scheint, haben Sie das alles mit eigenen Augen gesehen', versuchte sie Saint-Germain weiter zu provozieren. Dieser hatte natürlich längst erkannt, worauf es seine hohe Gastgeberin angelegt hatte. Scheinbar gleichmütig gab er ihr aber zu verstehen: 'Madame, mein Gedächtnis ist stark und funktioniert immer noch gut...' Dann setzte er mit einem maliziösen Lächeln hinzu: 'Zudem habe ich die französische Geschichte eingehend studiert.' Damit war die Altersfrage, die die Pompadour gerne aufgeklärt hätte, weiterhin unbeantwortet geblieben. Hatte nun ihr gräflicher Besucher das zuvor Wiedergegebene selbst erlebt oder lediglich einen Anschauungsunterricht seiner großen Besessenheit gegeben?

Längst war Ludwigs Mätresse klar geworden, dass eigentlich nicht sie, sondern Saint-Germain die Fäden des Gespräches steuerte, was sie zunehmend verärgerte. Wie, um ihre Ratlosigkeit noch zu erhöhen, gab ihr der Graf in provokanter Weise zu verstehen: 'Bisweilen, Madame, erlaube ich mir durchaus den Spaß, die Leute zwar nicht glauben zu machen, jedoch glauben zu lassen, dass ich bereits in den ältesten Zeiten gelebt habe...' 'Und doch weigern Sie sich standhaft, mir Ihr wirkliches Alter zu nennen', schmollte die schöne Frau. 'Andererseits aber geben Sie sich gerne für sehr alt aus. Jedenfalls behauptet das auch die mir bekannte Gräfin von Gergy. Sie war vor gut fünfzig Jahren Botschafterin in Venedig und will Ihnen dort begegnet sein. Damals, so erzählte sie mir kürzlich, hätten Sie genauso ausgesehen wie heute. Wie erklären Sie sich das?' Saint-Germain zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. Scheinbar unbeirrt von diesem offensichtlichen Widerspruch meinte er zustimmend: 'Sie haben recht, Madame. Ich habe die Gräfin von Gergy tatsächlich vor langer Zeit in Venedig persönlich kennen gelernt.' Die Pompadour schüttelt verständnislos ihren Kopf: 'Aber dann müssten Sie ja, nach meiner Einschätzung, weit über hundert Jahre alt sein?!' Saint-Germain blieb ungerührt. Schmunzelnd meinte er nur: 'Das scheint mir nicht unmöglich zu sein aber wie ich gerne gestehe, scheint es doch weit wahrscheinlicher, dass die verehrte Dame Unsinniges vermutet und sich geirrt haben könnte.' Madame de Pompadour ließ nicht mehr locker.

Jetzt war sie bei ihrem eigentlichen Thema. Ungeachtet der ungeklärten Altersfrage hob sie neuerlich an: 'Aber die Gräfin Gergy erzählte mir auch etwas von einem Elixier, das Sie besäßen, und das Sie ihr damals verehrt hätten. Dieses Elixier sei, so gestand sie mir ein, von wunderbarer Wirkung gewesen und hätte sie, nachdem sie es konsumiert hatte, lange Zeit aussehen lassen, als wäre sie nicht älter als vierundzwanzig Jahre...' Das nunmehrige Schweigen ihres Gastes deutete die Pompadour als Bestätigung des Berichtes der Gräfin. Deshalb setzte sie fort: 'Warum verehren Sie nicht auch dem König eine Kostprobe Ihres verjüngenden Elixiers?' Der Graf machte ein bekümmertes Gesicht. 'Ach, Madame', meinte er abwehrend, 'wenn ich mich von Ihnen überreden ließe, dem Regenten Frankreichs eine mir unbekannte Arznei zu überlassen, dann müsste ich ja lebensmüde oder wahnsinnig sein.' Aber Saint-Germains Gastgeberin ließ nun nicht mehr locker, und schließlich gelang es ihr, des Elixiers teilhaftig zu werden.

Der Graf überreichte ihr ein Kristallfläschchen mit einer köstlich duftenden rosafarbenen Flüssigkeit. 'Zwei Tropfen täglich genügen, teure Marquise', schmeichelte ihr Saint-Germain mit gekonntem Charme. 'So werdet Ihr Eure jugendliche Schönheit beibehalten.' Gierig nach Schätzen Was für Madame de Pompadour das 'Lebenselixier' Saint-Germains gewesen war, bedeutete für ihren königlichen Liebhaber die unstillbare Sehnsucht nach Reichtum und Macht. Ludwig XV. hatte, nachdem der Graf seiner Mätresse die Aufwartung gemacht hatte, auch von dem Gerücht vernommen, der aristokratische Besucher sei als hervorragender Alchimist ebenso imstande, nach Belieben jede Menge von Edelsteinen herzustellen. Das ermunterte Frankreichs Herrscher, diesen (im Volksmund längst als 'Wundermann' hoch gelobten) Alleskönner gleichfalls zur Audienz nach Versailles zu bitten, um sich diese Kunstfertigkeit von dem Betreffenden selbst persönlich bestätigen zu lassen.

Saint-Germain wußte von Ludwigs Gier nach Schätzen und gedachte, diese Chance für sich zu nutzen. Als er vor dem König erschien, und dieser ihm, scheinbar großzügig, auf Anhieb eine pompöse Behausung sowie festen Sold für dessen Entgegenkommen in Aussicht stellte, ihm bei der Vermehrung seines Vermögens behilflich zu sein, wies der Graf Ludwigs Ansinnen mit großer Geste zurück: 'Ich brauche weder Schloss noch Sold', beschied er seinem verblüfften Gastgeber 'denn ich bringe alles, was ich für meine Tätigkeit zu Gunsten Eurer Majestät benötige, selber mit: eine Schar Dienstboten und genügend Geld, um mir selbst ein Haus zu mieten.' Bei diesen großsprecherisch klingenden Worten griff Saint-Germain gleichzeitig in seine kunstvoll bestickte Tasche, um daraus im nächsten Augenblick eine Handvoll ungefasster Brillanten hervorzuholen und, wie beiläufig, auf das Ziertischchen in dem luxuriös ausgestatteten Empfangsraum in Versailles zu streuen. 'Hier sind einige Diamanten, die ich mir nunmehr gestatte, Eurer Majestät zum Geschenk zu machen. Ich habe sie eigenhändig hergestellt.' Ludwigs Ehrengast hatte den Charakter seines Audienzgebers richtig eingeschätzt. In den Augen Ludwigs glitzerte die Habgier, und er zögerte keinen Augenblick, Saint-Germains Einstandsgeschenk 'großzügig' anzunehmen.

Der Graf hatte sich damit am Hofe des Königs sowohl bei diesem als auch bei dessen bevorzugter 'Nebenfrau', Madame de Pompadour, mit den richtigen Gaben eingestellt. In der Folge avancierte er zum Ärger dort tätiger anderer hochgestellter Persönlichkeiten, etwa des Außenministers Herzog von Choiseul, der später auch gegen ihn integrierte zum unentbehrlichen Günstling bzw. Geheimkurier der französischen Krone. Saint-Germain war danach fast ständig kreuz und quer in Europa unterwegs und leistete als befähigter Diplomat Ludwig XV. und der Pompadour gute Dienste. Ein ungewöhnlicher Briefwechsel Einer, der im Frankreich des 18. Jahrhunderts ebenfalls hohes Ansehen in den adeligen Kreisen genoss, war der Dichter und Philosoph Frantois Marie Arouet besser bekannt unter seinem Künstlernamen Voltaire.

Auch dieser kluge Mann machte bald die persönliche Bekanntschaft des Grafen von Saint-Germain und stand mit diesem in späterer Folge in intensivem Briefwechsel. Leider ist uns aus dieser Korrespondenz nur ein einziges Schreiben nämlich das vermutlich letzte, das Voltaire an seinen gräflichen Freund adressiert hatte erhalten geblieben. Doch dieses allein ist schon wert, näher in Augenschein genommen zu werden. Voltaires Brief stammt vom 6. Juni 1761 und stellt unzweideutig die Reaktion des Dichters auf ein vorausgegangenes Schreiben Saint-Germains dar. Was die Zeilen so brisant macht, die damals an den Grafen gerichtet worden waren, ist der Umstand, dass jener dem mit ihm befreundeten Philosophen gewisse Prophezeiungen offen legte, die eine noch weit in der Zukunft liegende Zeit betrafen, von der der Graf von Saint-Germain eigentlich noch nichts wissen konnte. Es sei denn, er hätte auf irgendeine Weise die Möglichkeit wahrzunehmen gewusst, kommende Ereignisse vorauszusehen. Oder vielleicht sogar aus eigener Ansicht persönlich mitzuerleben! 'Ich beantworte Ihren Brief, Monsieur, den Sie mir im April geschrieben haben, worin Sie schreckliche Geheimnisse offenbaren, einschließlich des schlimmsten aller Geheimnisse, das es für einen alten Mann wie mich geben kann: die Stunde des Todes. Danke, Germain, Ihre lange Reise durch die Zeit wird von meiner Freundschaft für Sie erhellt werden, bis zum Moment, wenn sich Ihre Offenbarungen um die Mitte des 20. Jahrhunderts erfüllen werden.'

Drei Hinweise lassen uns nun hierbei aufhorchen: Jener auf die offensichtlich prognostizierte Todesstunde Voltaires, von der Saint-Germain anscheinend wusste und sie dem Dichterfreund mitgeteilt hatte. Die Andeutung Voltaires, wonach Saint-Germain eine 'lange Reise durch die Zeit' getätigt zu haben schien, und schließlich des Philosophen Bestätigung gewisser 'Offenbarungen' seines adeligen Briefpartners, die sich angeblich um 'die Mitte des 20. Jahrhunderts' (also etwa in den fünfziger Jahren) erfüllen würden. Worum es sich dabei konkret gehandelt haben dürfte, geht aus den Andeutungen Voltaires leider nicht hervor, doch erwähnt er zum Ende seines Schreibens zwei Errungenschaften, an welche zu seiner Zeit, Mitte des 18. Jahrhunderts, nicht einmal im Traum zu denken war. Heißt es doch in dem bewussten Brief ganz eindeutig: 'Die sprechenden Bilder sind ein Geschenk für die mir noch verbleibende Zeit, darüber hinaus könnte doch Euer wunderbares mechanisches Fluggerät Euch zu mir zurückführen...' Mit 'Adieu, mein Freund' und der Unterschrift des Schreibers: 'Voltaire, Edelmann des Königs', schließt jener sonderbare Brief des französischen Dichterfürsten an den Grafen von Saint-Germain.

Welche Möglichkeiten standen Letzterem zur Verfügung, um derartige, inzwischen tatsächlich eingetretene Entwicklungen im technischen Fortschritt der Menschheit vorhersehen zu können? Besaß der Graf mediale Einblicke in die geheimnisvolle 'Akasha-Chronik'? Jenes rätselhafte Gebilde, das in legendärer Überlieferung aus dem indischen Raum angeblich unseren Planeten unsichtbar umgeben soll und, gleich einem Videoband oder hochentwickelten Computer, in der Lage ist, alle Energie (somit sämtliche Geschehnisse, die es auf dieser Welt jemals gegeben hat und noch geben wird) aufzufangen und bis auf Abruf in sich zu 'speichern' bzw. aufzuzeichnen?

Ähnlich bestimmter menschlicher Schicksalsverläufe, wie sie beispiels- weise in Indiens aus alter Zeit stammenden 'Palmblatt-Bibliotheken' wiedergegeben werden, und wo auch die jeweiligen Todesstunden der davon betroffenen Menschen vermerkt sind! War Saint-Germain, so phantastisch es uns heute auch scheinen mag, womöglich ein Zeitreisender? War oder ist er nach Gutdünken imstande, beliebig oft die Jahrhunderte, vielleicht sogar die Jahrtausende zu überbrücken? Bestätigt sich, anhand Voltaires Andeutungen, unser Verdacht, dem Grafen unter Umständen heute noch begegnen zu können? War er jener 'Montsalveri' im 17. Jahrhundert ebenso wie jener unbekannt gebliebene Zivilist an der Vogesenfront Anfang des 20. Jahrhunderts, dem der aus Bayern stammende Schreinermeister Andreas Rill begegnete?

Und müssen wir letztlich auch die Behauptung jenes 25jährigen Franzosen akzeptieren, der zwar unter seinem bürgerlichen Namen Richard Chanfray im Pariser Fernsehen in Erscheinung trat, dort Blei in Gold verwandelte und sich zum krönenden Abschluss seiner alchimistischen Darbietungen als angeblicher Graf von Saint-Germain 'outete'? Was hatte es mit dem (laut Voltaire schriftlich bestätigten) 'mechanischen Fluggerät' des Grafen auf sich, von dem der greise Dichter annahm, dass Saint-Germain damit zu ihm zurückkehren könnte? Und was mit den ihm zum Geschenk gemachten 'sprechenden Bildern'? Worum könnte es sich dabei gehandelt haben? Es war im übrigen nicht die einzige Prophezeiung, die der Graf von Saint-Germain seinem Jahrhundert hinterließ.

Als er gegen Ende des 18. Jahrhunderts (etwa um 1788) zum zweiten Mal der österreichisch-ungarischen Monarchie und zwar deren Hauptstadt Wien seine Aufwartung machte (wobei er verschiedene alchimistische Gesinnungsfreunde größtenteils Freimaurer bzw. Rosenkreuzer besuchte), verkündete er ihnen zum Abschied folgende etwas kryptisch klingende Vorhersage: 'Ich scheide. Enthalten Sie sich, mich zu suchen. Einmal werden Sie mich noch sehen. Morgen Nacht reise ich; man bedarf meiner in Constantinopel, dann England, wo ich zwey Erfindungen vorzubereiten habe, die Sie im nächsten Jahrhundert (sic!) haben werden: Eisenbahnen und Dampfschiffe. In Deutschland wird man deren bedürfen, denn die Jahreszeiten werden allmählich ausbleiben. Zuerst der Frühling, dann der Sommer. Es ist das stufenweise Aufhören der Zeit selber, als die Ankündigung des Unterganges der Welt. Ich sehe alles. Die Astronomen und Meteorologen wissen nichts, glauben Sie mir. Gegen Schluss des Jahrhunderts [gemeint war das 18.] verschwinde ich aus Europa und begebe mich in die Region des Himalaya. Ich muss rasten, mich ausruhen. Aber in einigen Jahrzehnten werde ich wieder von mir hören lassen...' Diese Worte finden sich vollinhaltlich in den so genannten 'Kleinen Wiener Memoiren', die der Okkultist Franz Gräffer im Jahre 1845 veröffentlichte. Lösen sie das Rätsel um den Grafen von Saint-Germain?
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Der Graf St.Germain Empty Noch eine Geschichte die Komisch ist Teil 1

Beitrag von Brainfire© am So 9 Jan - 11:12

Um die Levitationsgeschichten von St.Germain zu bestädigen ... es gab noch andere berichte über Levitationen Lest hier folgendes :


Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino
[19.01.2010] Gut bezeugt sind in der Geschichte Levitationen, die immer ein maßloses Staunen hervorrufen. Mit Joseph aber geschah noch viel Ungewöhnlicheres: er begann mit einer tanzenden Gebärde, stieß dann einen vogelartigen Schrei aus und flog durch die Luft! Aus der Mitte der Kirche flog er bis zum Hochaltar, der über 50 Schuh entfernt war umfasste dort das Tabernakulum, und hielt sich ungefähr eine Viertelstunde lang in der Luft. Den erstaunten Zuschauern blieb der Mund offen.Mindestens 70 ekstatische Flüge wurden von vielen Menschen bezeugt. Gegen seinen Willen wurde er zur Berühmtheit, er geriet in den Ruf eines Wundertäters, ein Sturm legte sich nach seinem Gebet, nach einer Dürre regnete es, er roch die Sünde förmlich, und konnte den Menschen gute seelsorgliche Ratschläge geben. Auch der Großadmiral von Kastilien hatte eine Unterredung mit ihm in Assisi und er sagte nachher: „Ich habe einen zweiten heiligen Franziskus gesehen und gesprochen.“

Viele Einzelheiten erinnern an Berichte aus dem Leben des heiligen Franziskus und scheinen liebevoll den poetischen “Fioretti” (einer Blütenlese franziskanischer Legenden) nachgezeichnet zu sein: Wie er als Hirt mit Kindern aus Copertino dem Kinde von Betlehem mit Pfeifen, Flöten und Pauken aufspielt, vor ihm singt und voll Freude tanzt. Wie er vertrauten Umgang mit Tieren pflegt. Wie sich ein Häslein bei ihm vor den Jägern rettet. Wie er besonders den Lämmern zugetan ist. Einmal — Ort und Name des Besitzers werden ausdrücklich genannt — erweckt er eine Schafherde nach einem Blitzschlag bei schwerem Gewitter wieder zum Leben.

Den gesammten Ausführlichen Bericht wie er zusammengetragen und veröffentlicht wurde, kannst du nun hier nachlesen

Einstimmung

heilige Josef von Copertino
Was ist interessanter als Menschen, als das Leben eines Menschen?
Gewiß gibt es noch Bewegenderes: die Erfahrungen, die ein Mensch mit Gott macht. Bewegend für jeden, der das Leben anderer nach ihren Erfahrungen mit Gott befragt, weil er selbst solche Erfahrungen kennt und nun “Sehnsucht nach mehr” hat. Oder für Suchende, die nach Wegen und Zielen, nach Beispielen geglückten Lebens ausschauen. Provozierend aber für Menschen, die wenig Gedanken über Sinn und Ziel verschwenden und für die es “Gott” nur als theoretischen Begriff gibt. Konkrete Lebenserfahrungen eines Menschen, der in kein Schema paßt, mit Gott, mit einem noch dazu sinnlich erfahrbaren Gott, sind vollends geeignet, landläufige Vorstellungen von “geglücktem Leben”, von Frömmigkeit, Vollkommenheit und Heiligkeit, ja über Gott in Frage zu stellen.
“Komische Heilige” — gegen sie wehren wir uns. Mit Recht? Ein “merkwürdiger Heiliger” löst Unbehagen, Kopfschütteln aus. So könnte es sein, daß ein Leser dieser kurzen Lebensbeschreibung des heiligen Josef von Copertino das Büchlein kopfschüttelnd wieder beiseite legt: “Eben ein Heiliger eines mirakelsüchtigen Jahrhunderts.” Doch hat dieser Heilige schon in seiner Zeit, zu Lebzeiten, nicht nur Kopfschütteln verursacht, sondern große Verwirrung. Kirchliche Behörden wurden durch ihn (ungewollt) in große Verlegenheit gebracht, in Unbehagen und Ängste. So sehr, daß man ihn schließlich vor der Öffentlichkeit versteckte und, solange er lebte, mit Schweigen überging. Trotzdem war sein Name bei seinem Tod in ganz Europa bekannt. Doch dann ist er zu einer fast unbekannten Gestalt geworden. Allerdings lebt zum Beispiel in Dillingen/Donau heute noch der Brauch, ihn in Examensnöten anzurufen. — Warum gerade ihn?
Josef von Copertino wird von Walter Nigg, dem evangelischen Hagiographen, der “merkwürdigste Heilige der neueren Zeit” genannt; “denn seit Menschengedenken wurde keiner bemerkt, der sich mit ihm vergleichen ließe”1. Nigg warnt vor der Verwirrung unserer gewohnten Vorstellungen, die dieser Heilige auslösen kann. Und doch — er “wirkt bei aller Fremdheit seltsam faszinierend”2.
Versuchen wir also, uns auf diese seltsame Faszination einzulassen, auch wenn dabei vertraute Vorstellungen durcheinandergebracht werden sollten. Nähern wir uns jedoch behutsam diesem wahrhaft merkwürdigen Leben, zumal jede Begegnung — die mit Menschen und die mit Gott — die Bereitschaft “zu einer Erfahrung fordert, die man noch nie gemacht hat”3.

1. Ein Mensch beklagt sich über Gott

“Ich beklagte mich oft über Gott” — so steht es in einem Brief des inzwischen älter gewordenen Josef von Copertino an einen Freund. Ein Ausspruch, der nachdenklich machen kann, zumal bei einem, den die Kirche als Heiligen verehrt. Wenn uns jemand das gestehen würde, hätten wir wahrscheinlich eine ganze Reihe guter Ratschläge, psychologische oder aszetische, bereit, wenn nicht strenge Zurechtweisung. Hat denn ein Mensch überhaupt das Recht, sich über Gott zu beklagen? Oder: Nimmt da nicht jemand sich zu wichtig? Ist da einer nicht sehr wehleidig?
Der etwa sechsundzwanzigjährige Minorit, noch am Anfang seines geistlichen Strebens, hatte versucht, sich aus Mittelmäßigkeit und Bequemlichkeit freizukämpfen. Alles, was ihm in seinem bisherigen Leben widerfahren war, wird in seiner Erinnerung wieder lebendig, in der ganzen Schärfe unverdienten Leidens.

Der arme Pechvogel

Da sind die Lebensumstände und Familienverhältnisse, in die er hineingeboren wurde — schlechte Startbedingungen, würden wir sagen. Der Vater Felice Desa ist bis über beide Ohren verschuldet. Die Herzöge Pinelli im italienischen Copertino/Apulien hatten den Fuhrmann als Burgwart eingestellt; aber er ruiniert seine Existenz, indem er in geradezu naiver Gutmütigkeit Schuldscheine für alle möglichen Bittsteller unterschreibt, ohne ihre Vertrauenswürdigkeit zu prüfen. Er muß fliehen, um nicht ins Gefängnis geworfen zu werden, und stirbt. Seine hochschwangere Frau weicht vor der Schmach der Pfändung ihrer Habseligkeiten in einen Viehstall aus. Dort wird Giuseppe‑Maria geboren, seine Taufe in Copertino ist am 17. Juni 1603 beurkundet.
Franceschina war dieses Kind eine Last — kein Wunder. Allzugroße Strenge, ja Härte verhindern, daß der Heranwachsende mütterliche Wärme und Geborgenheit erfährt. Es ist auch nicht viel Liebenswürdiges an ihm. Kränklich, schwächlich, zeitweilig von brandigen Geschwüren befallen, “verbrachte er seine Kindheit zwischen Leben und Tod, gleichsam halb verfaulend”4.
Die Quelle5 betont die Selbstlosigkeit und den starkmütigen Glauben Franceschinas, sie habe sich “allezeit bestrebt, ein gutes Beispiel zu geben” und sei Angehörige des franziskanischen Dritten Ordens gewesen. Sie sorgt trotz ihrer Armut dafür, daß Giuseppe eingeschult wurde, obwohl in dieser Zeit nur gutgestellte Eltern sich das leisten konnten. In der Schule aber kommt der Schwächling nicht mit und wird von seinen Kameraden ständig gehänselt. Als er eines Tages beim Klang der Orgel hingerissen lauscht und mit halbgeöffnetem Mund gedankenverloren dasteht, geben sie ihm den Spottnamen “bocca aperta”, also “offenes Maul”, im Sinne von “blöder Tölpel”. — “Trostlose Anfänge! “6
Wer konnte auch erkennen, daß diese auffällige Geistesabwesenheit, in der er ganz versunken ist und unempfindlich gegenüber allem, was sich um ihn herum abspielt, nichts anderes ist als ein erster Anfang des völligen “Außer‑sich‑Seins”, das sich sehr früh — er ist kaum acht Jahre alt — zu mystischen Ekstasen steigern wird? “Mystisch” — heißt das nicht “geheimnisvoll”? Den Mitmenschen muß es mindestens rätselhaft vorkommen. Er kann es sich ja auch selbst nicht erklären.
Nach reichlich drei Jahren ist für ihn die Schulzeit zu Ende: ein bösartiges Geschwür an der Hüfte fesselt ihn für fünf Jahre – fünf Jahre! — ans Bett. Der unerträglich üble Geruch isoliert ihn von den Mitmenschen — ein im Stich gelassenes schwerkrankes Kind. Einziger Trost ist seine Mutter, die ihm vom heiligen Franz von Assisi erzählt, um ihn abzulenken und zur Geduld zu mahnen. Auf sein Betteln hin bringt sie ihn auch zur Kirche vor den Tabernakel.
Ein Einsiedler, der früher einmal Arzt am Institut für unheilbar Kranke war, versucht ihn zu operieren, ohne Erfolg. Da bringt ihn seine Mutter zur Wallfahrtskirche Santa Maria delle Grazie in Galatone. Man salbt den Kranken mit dem Öl der Lampe, die vor dem Gnadenbild brannte — und er steht auf, vollständig geheilt.
Vierzehn Jahre ist er inzwischen alt, er muß sich nach einer Arbeit umsehen, geht bei einem Schuhmacher in die Lehre. Doch er ist nicht imstande, auch nur die einfachste Flickarbeit zu lernen. Zur Ungeschicklichkeit kommt eine eigenartige Lernunfähigkeit. Statt den Pechfaden durch das Leder zu ziehen, sitzt er untätig auf seinem Stühlchen und schaut verträumt den Fliegen nach. Der Meister gibt es auf und schickt ihn weg.

Enttäuschungen und Hindernisse

Was ist zu tun? Er ist unfähig zu einer normalen Lebensführung oder Tätigkeit, ohne jeden praktischen Verstand. Was bleibt anderes übrig, als es in einem Kloster zu versuchen, zumal er doch offenbar fromm ist? Er kommt auch selbst auf diesen Gedanken, als er einem Bettelmönch begegnet. Das entspräche seinen religiösen Neigungen. Doch die Franziskaner‑Kon­ven­tu­a­len weisen ihn ab, trotz der Fürsprache einiger einflußreicher und gelehrter Verwandten. Welcher Orden nimmt auch einen solchen Kandidaten auf?
Er versucht es ein weiteres Mal im Kloster zu Casole, doch hier schiebt man die Aufnahme ohne Angabe von Gründen immer wieder auf.
Ein neuer Versuch hat Erfolg: Er meldet sich mit zwei Gefährten beim Kapuzinerprovinzial, der die Postulanten im August 1620 — Josef ist also siebzehn Jahre alt — zur Probezeit und ins Noviziat in Martina franca aufnimmt. Aber sein Aufenthalt “war nicht von allzu langer Dauer. Josef war so blöde, daß er nicht einmal weißes von schwarzem Brot unterscheiden konnte und, tolpatschig wie er war, die Töpfe verkehrt auf das Feuer setzte. Im Refektorium fiel ihm ein ganzer Stapel Teller aus den Händen, und auch sonst zerbrach er in seiner Ungeschicktheit fortwährend Klostergeschirr. Es nützte nichts, wenn man ihm, zur Demütigung und damit er fortan besser aufpasse, Teile der zerbrochenen Teller an seiner Kutte befestigte. In der Erfüllung seiner Pflichten war er unzuverlässig, er benahm sich linkisch und plump und brachte die Mönche zur Verzweiflung. Josef war und blieb ein unfähiger Laienbruder; die Schilderung ist nicht übertrieben. Es wäre wohl passender, wenn sich von einem Heiligen erzählen ließe, er sei schon früh ein wundersam begabter Jüngling gewesen ...”7
Anfälle von rätselhafter Geistesabwesenheit geben seiner Frömmigkeit ein seltsam stupides Aussehen. “Nach einer Prüfungszeit von acht Monaten war die Geduld der Kapuziner zu Ende.”8 Sie schicken ihn fort. Josef empfindet es, als reiße man ihm mit dem Ordenskleid die Haut samt dem Fleisch von den Knochen.
Er sucht Zuflucht bei einem Bruder seines Vaters, Pater Francesco Desa, der in Avetrana Fastenpredigten hielt. Auf dem Weg zu ihm — zwei Tage ist er unterwegs — wird er überfallen und bedroht, Hunde zerfetzen die wenigen Kleider, die ihm geblieben waren. Völlig erschöpft und abgerissen, kommt er zu seinem Onkel und findet bei ihm nur verständnislose Vorwürfe und verächtliche Abweisung — und ist außerstande, sich dazu auch nur zu äußern. Auch in Copertino erwarten ihn Gelächter und Spott, dazu noch die Gläubiger seines Vaters; sie drohen ihm mit dem Schuldgefängnis. Trotz aller Bemühungen seiner Mutter weist ihn die gesamte Verwandtschaft ab, ist er doch aus dem Kloster weggejagt worden. Ausweglose Situation! Schließlich versteckt er sich in Grottella, einem kleinen Marienwallfahrtsort in der Nähe. Dort baut gerade ein Bruder seiner Mutter, der Minorit Giandonato Caputo, ein kleines Kloster auf. Der Bruder Sakristan erbarmt sich des Hilflosen und weist ihm einen Unterschlupf auf dem Dachboden des Kirchleins an.
Sechs Monate hält Josef diese entbehrungsreiche Gefangenschaft aus. Dabei verhält er sich so geduldig und bescheiden, daß seine nähere Umgebung schließlich nachdenklich wird. So konnte es ja auch nicht weitergehen. Sein geistlicher Onkel nimmt ihn als Klosterknecht auf, gewährt ihm das Kleid des Dritten Ordens und entzieht ihn damit der weltlichen Gerichtsbarkeit. Jetzt endlich kann er sich unter den Gutwilligen im Minoritenkonvent bewähren, mit kleinen Dienstleistungen im Stall und in der Sorge um einen Esel. Sie nehmen den Zweiundzwanzigjährigen als Laienbruder auf. Und als herauskommt, daß sich Bruder Josef nächtelang heimlich darum bemüht, seine mangelhafte Schulbildung aufzubessern, entschließt sich auch Pater Francesco Desa, ihn zu fördern. Er läßt ihn zum Studium zu — gewiß, ein Gelehrter wie seine geistlichen Onkel würde er kaum werden, aber zum schlichten priesterlichen Dienst in dem kleinen Wallfahrtsort würde es wohl ausreichen. Zwar werden große Bedenken in der Gemeinschaft laut, aber der andere Onkel, Pater Giandonato Caputo, kann am 19. Juni 1625 in Altamura die Oberenversammlung doch überzeugen. Frater Josef wird — mit besonderer Dispens — der Obhut eines anderen Verwandten seiner Mutter anvertraut und vollendet schließlich das Ordens‑Noviziat in Grottella.
Das Studium, besonders der lateinischen Sprache, bereitet ihm große Schwierigkeiten. Die Eigenart seiner Lernbehinderung wird deutlich: Er ist zwar ganz “in der Welt Gottes zu Hause”9, kann aber mit irdischen Begriffen, mit denen wir die Welt Gottes zu “be‑greifen” versuchen, nicht viel anfangen, trotz aller Bemühungen. Auswendiglernen ist ihm schier unmöglich. Doch unter der offensichtlich verständnisvollen und geduldigen Anleitung durch seine beiden Onkel erreicht er endlich die notwendigen Voraussetzungen für die Zulassung zur endgültigen Aufnahme in den Orden der Franziskanerminoriten, er legt die feierlichen Ordensgelübde der Armut, der keuschen Ehelosigkeit und des Gehorsams ab. Man kann sich denken, welche Freude Frater Josef empfinden mußte — das hätte er kaum zu hoffen gewagt!

Kampf und Gnade

Doch vor der Zulassung zur Priesterweihe sind noch das Studium der Theologie zu bewältigen und mehrere Examen zu bestehen. Frater Josef geht den für ihn schweren Weg unter Anleitung durch seine Onkel weiter und empfängt am 3. Januar 1627, sechs Monate nach der feierlichen Profeß, in der Privatkapelle des Bischofs von Nardä die niederen Weihen, Vorstufen zum Priestertum, im Februar die Subdiakonatsweihe.
Die Zulassung zur Diakonatsweihe war wieder von einem, diesmal entscheidenden Examen abhängig. Josef hatte große Angst davor — wie wird er diese strenge Prüfung bestehen, ohne ausreichende Schulbildung, mit seinen mangelnden Lateinkenntnissen? Und er sollte, wie damals üblich, irgendeinen Abschnitt des Evangeliums, nach Wahl des examinierenden Bischofs, lateinisch vorlesen und singen und dann erklären. In seinen Examensnöten wendet er sich an die Gottesmutter Maria, vor ihrem Gnadenbild in Grottella, und kommt auf den Gedanken, eines der kürzesten Sonntagsevangelien auswendig zu lernen — mühselig genug: “... eine Frau aus der Menge rief Jesus zu: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat. Er aber erwiderte: Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und befolgen” (Lk 11, 27 f). Und bei der Prüfung sucht der Bischof genau diesen Text für ihn aus ...
Noch ein letztes Hindernis ist zu überwinden, das Exa­men vor der Priesterweihe, das vor einer Kommission abgelegt werden mußte. Neue Ängste überfallen Josef, und mit Recht; denn “er wußte, daß er in Literatur sehr schwach war”, schreibt einer seiner Freunde, und wir können hinzufügen: auch sonst. Dazu kommt die Nachricht, daß der zuständige Bischof von Lecce, ein Freund seines Onkels, verreist sei und durch den “sehr gestrengen” Bischof von Castro, Giambattista Deti, vertreten werden sollte. Josef verbringt die Nacht in Poggiardo schlaflos und nimmt seine Zuflucht wieder zum Gebet.
Das Examen am nächsten Tag nimmt einen unverhofften Verlauf. Die ersten Diakone überraschen durch so gute Prüfungsergebnisse, daß der Bischof darauf verzichtet, den Rest der Prüflinge, unter ihnen Josef von Copertino, dem Examen zu unterziehen, und er gewährt allen die Zulassung zur Priesterweihe. Am Tag danach, dem 18. Mai 1628, empfängt Josef mit allen anderen die Priesterweihe. Er verdankt sie, so erfährt er es, als besondere Gnade Gottes und der Fürsprache Mariens.
Heiligkeit des Lebens — darauf kommt es an, gerade auch beim Priester. “Ohne sie sind alle übrigen Vorzüge wenig nütze. Mit ihr kann man Wunderbares wirken, auch wenn die übrigen Qualitäten in geringem Maß vorhanden sind”, schreibt Papst Pius Xl. in seiner Enzyklika über das katholische Priestertum (vom 20. Dezember 1935) — unter ausdrücklichem Hinweis auf Josef von Copertino.
Aber noch steht unser Heiliger am Anfang seines geistlichen Weges und priesterlichen Wirkens. Eingedenk des “geringes Maßes” geistiger Qualitäten, versucht Pater Josef sich in seinem Kloster dort nützlich zu machen, wo irgendeine Arbeit anfällt: in Garten oder Stall, in der Kirche oder auf der Baustelle ... Die unscheinbarsten Dienstleistungen und Putzarbeiten waren ihm gerade recht. Er pflegt wieder den Maulesel und sammelt mit bloßen Händen, ungeschickt, wie er ist, den Kehricht in der Kirche. Er ist der Bescheidenste, der Letzte in der Gemeinschaft, nicht einmal zum Betteln kann man ihn nach den ersten Erfahrungen hinausschicken; brachte er doch bei seiner Unbeholfenheit und Vergeßlichkeit — oder soll man sagen: Gedankenverlorenheit — nichts mit nach Hause.
Ihm selbst war seine Unwissenheit schmerzlich bewußt, die manche Mitbrüder mit Trägheit erklärten. Also widmete er sich abends, ja ganze Nächte, mit vermehrtem Eifer dem Studium, mußte er doch in der Verwaltung des Bußsakramentes seiner priesterlichen Verantwortung gerecht werden. Und immer wieder geht er ins stille Gebet und nimmt sich in strenge Zucht bis zur Züchtigung des eigenen Leibes.
Geistliche Formung und “Abtötung”, wie es in der Sprache der alten klösterlichen Askese so anschaulich heißt, muß sein Bemühen um das nötige Wissen unterstützen — ja, es wird ihm wichtiger als alles andere. Um so mehr bemerkt er nicht nur die Mängel seiner Bildung, sondern zunehmend auch jeden äußeren Mangel. Es ist wie ein unüberwindbarer Nachholbedarf, der ihm, aus den ärmlichsten Verhältnissen kommend und in äußersten Entbehrungen erfahren, immer deutlicher macht, wie sehr ihn Anhänglichkeit an die angenehmen Dinge des Lebens, geradezu ein Hunger nach ihnen zu fesseln droht. Die gutgemeinten Geschenke seiner begüterten Verwandten, wie feine Wäsche, eine Uhr, schöne Bilder, ein neuer Ordenshabit, werden ihm auf einmal zur Versuchung. Es treibt ihn, sich jeden Wunsch selbst zu erfüllen, und er vergißt darüber alles Vertrauen auf die gütige Vorsehung Gottes und das Gelübde klösterlicher Armut. So wird er zum Gespött seiner Mitbrüder. — Weiß er denn, was er will?
Er stellt sich dem entscheidenden Kampf zwischen Mittelmäßigkeit und rückhaltloser Hingabe, zwischen Bequemlichkeit und Streben nach geistlicher Reifung. Walter Nigg bemerkt dazu, “daß auch Josef nicht von selbst oder von Natur aus, sondern nur durch den Engpaß einer unerbittlichen Askese hindurch zum Heiligen aufstieg”10. Um in dieser Bewährungsprobe zu bestehen — die Quellen sprechen ausdrücklich von “Anfechtungen des Satans” —,verzichtet er auf alle Annehmlichkeiten, züchtigt sich bis aufs Blut und unterzieht sich der schmerzlichen “Losschälung von allem Irdischen” (wieder ein solch anschauliches Wort), so radikal, daß er schließlich sich selbst ganz vernachlässigt. Sein Habit zerfällt in Fetzen, sein Äußeres ist bald das eines verwahrlosten Landstreichers — und er fühlt auch manchmal eine brennende Scham darüber.
Dazu überfallen ihn Zweifel und Trostlosigkeit. Das ganze Elend seines Lebens wird ihm bewußt, die Wunden, die ihm das Leben, und die Verletzungen, die ihm Mitmenschen geschlagen haben, schmerzen erneut in der Erinnerung mit solch zermürbender Gewalt, daß er sich dessen nicht erwehren kann. Was soll er auch tun? Zu nichts ist er nütze, niemandem kann er sich verständlich machen, auch seinen Mitbrüdern nicht, und Zeit seines Lebens wird er seiner Gemeinschaft eine schwer erträgliche Last bleiben. Zwar hatten ihn von Kindheit an auch immer Zeichen und die innere Erfahrung der liebenden Nähe Gottes begleitet und gestärkt — jetzt aber schlägt das ganze Elend seines Lebens über ihm zusammen; er befindet sich vollends in einem Zustand der äußersten Trostlosigkeit und schrecklicher Dürre, ganz und gar von Gott verlassen.

“Ich beklagte mich bei Gott

Im Rückblick auf diese zwei schrecklichen Jahre wird er später einem Freund schreiben:
“Ich beklagte mich oft bei Gott über Gott. Für ihn hatte ich alles verlassen, und er, statt mich zu trösten, überlieferte mich einer tödlichen Herzensangst. Als ich eines Tages wieder einmal weinte und seufzte — wenn ich nur daran denke, ist es mir, als sollte ich sterben —,klopfte ein Mönch an meine Tür. Ich antwortete nicht, und er trat ein. ‚Bruder Josef.... was fehlt dir? Ich bin gekommen, um dir zu dienen. Sieh, hier ist ein Leibrock. Ich glaube, du hast keinen.' Wirklich bestand mein Leibrock fast nur aus Fetzen. Ich zog den Rock an, den der Unbekannte gebracht hatte, und alle meine Verzweiflung war augenblicklich verschwunden.”11
Josef hatte sich über Gott beklagt, ja, aber — bei Gott.
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Beitrag von Brainfire© am So 9 Jan - 11:13


2. Außergewöhnliche Ereignisse

Der erste ekstatische Flug

heilige Josef von Copertino
Von diesem geheimnisvollen Boten hatte niemand etwas gesehen, für Josef war es der Durchbruch in seinem geistlichen Leben. Innerer Friede, vollständige Befreiung von den alten Anhänglichkeiten, tiefe Übereinstimmung mit seinem radikal armen, bedürfnislosen Leben und seiner Ordensgemeinschaft, klaglose Auslieferung des ganzen Lebens in das Geheimnis Gott hinein machen ihn für das Einströmen der Gnade Gottes. offen. Äußerlich bleibt alles, wie es war. Aber allmählich wird das Besondere, außergewöhnlich Gnadenhafte deutlich, das in und an ihm am Werk ist. Seine Uninteressiertheit, ja eigenartige Unfähigkeit und Verschlossenheit für die praktischen Dinge des Alltags erweist sich immer mehr als Voraussetzung übernatürlicher Vorkommnisse, seine merkwürdige Zerstreutheit als die Außenseite einer eigenartigen Versunkenheit ins Göttliche. Stundenlang ist er wie entrückt, sein Zeitgefühl setzt immer wieder aus, manchmal wird er seiner Sinne beraubt in seiner Klosterzelle, in einsamen Winkeln oder in der kleinen Kapelle nahe dem Kloster gefunden. Bei der gemeinsamen geistlichen Lesung stößt er auf einmal einen markerschütternden Schrei aus. Zögernd und noch widerstrebend beginnen einige Mitbrüder zu verstehen.
Am 4. Oktober 1630, dem Fest des Ordensvaters Franziskus von Assisi, wird das erste Mal vor aller Augen sichtbar, auf welchen außergewöhnlichen Weg Josef gerufen ist. In Copertino findet an diesem Festtag eine feierliche Prozession statt, bei der, wie in jedem Jahr, auch unser Pater Josef seinen Dienst zu versehen hatte. Plötzlich erhebt er sich vom Erdboden, völlig “außer sich”, und schwebt über den Köpfen der erschrockenen, gaffenden und schreienden Menge dahin. (In seiner Kindheit hatten sie ihm den Spottnamen “das offene Maul” gegeben, jetzt bleibt ihnen selbst vor fassungslosem Staunen der Mund offen stehen, bemerkt Nigg dazu.12 ) Langsam gleitet er wieder zu Boden, läuft sofort in großer Scham davon und versteckt sich. Die Erkenntnis geht ihm auf, daß er auch das Letzte um Christi willen loslassen muß, ohne Rücksicht auf sich selbst und die Wirkungen auf seine Umwelt.
Mit noch größerer Konsequenz unterzieht er sich der Zucht des klösterlichen Alltags und seiner niedrigen, unbeholfenen Dienstleistungen, verzichtet darüber hinaus auf Fleisch, Brot und Wein, begnügt sich mit Kräutern und etwas Obst, verstärkt seine Bußübungen bis zu Selbstgeißelung und dornigem Bußgürtel. Ausdrücklich wird erwähnt, daß er sich in der Eucharistiefeier täglich neue Kraft und Ermutigung holte.

Geheimnisvolle Entrückungen

Von jenem 4. Oktober 1630 an vollzieht sich eine unaufhaltsame Veränderung, wie “von innen her”. Manchmal genügt ein geistliches Gespräch oder auch nur das Aussprechen der Namen “Jesus” oder “Maria”, daß Josef in Verzückung gerät oder wie tot zu Boden fällt. Erst wenn ihn die Ekstase freigibt, kann er sich wieder erheben — oder wenn der Vorgesetzte ihn im Gehorsam ruft.
“Das Schweben während der heiligen Messe wurde ein tägliches Ereignis. Auch untertags konnte es geschehen, daß er, wenn sein Geist erglühte, auf einen Altar erhoben wurde oder auf einen Baum oder zu einem Heiligenbild hin.”13
Man kann sich die Wirkung in der Öffentlichkeit vorstellen. Ein immer größerer Zustrom Neugieriger setzte ein, “das Heiligtum der Grottella gleicht einem lärmerfüllten Meereshafen. Bei jeder Ekstase, bei jeder Erhebung seines Leibes, hallte die Kirche wider von der Erregung der Gläubigen. Die einen weinten, die anderen schrien, wieder andere bekannten ihre Sünden. Manche drängten sich an den Altar, faßten den Heiligen an, betrachteten ihn von allen Seiten, bewegten seine Arme, prüften mit Feuer und spitzen Nadeln seine Unempfindlichkeit, bis der Vorgesetzte des Klosters kam und die Ruhe wieder herstellte. Mit einem tiefen Seufzer kehrte der Zelebrant dann zu sich zurück und setzte die heilige Messe fort, ganz beschämt und bestürzt, in aufrichtigem Bedauern über das, was vorgefallen war. Er hätte lieber ganz im Verborgenen zelebriert oder überhaupt nicht, fühlte sich aber durch den Gehorsam gebunden, und jene übernatürliche Macht war stärker als das Gefühl seiner Demut und sein Verlangen nach der Einsamkeit. “14
Er kennt nicht einmal die Ausdrücke “Ekstase” oder “Elevation”, hat keine Ahnung von den Schriften der großen Mystiker der Kirche. Über das Kommen und Gehen seiner Entrückungen hat er nicht die geringste Macht, kann sie weder herbeiführen noch verhindern. Zuweilen hört man vor Eintreten der Ekstase einen Schrei oder ein lautes Seufzen, als entweiche der Atem seinem Mund. Manchmal beginnt er mit einer tanzenden Gebärde und einem vogelartigen Schrei, er erhebt sich, schwebt durch den Raum, zum Beispiel in der Mitte der Kirche bis zur Kanzel oder zum Hochaltar, verharrt dort eine Viertelstunde lang schwebend mit ausgestreckten Armen oder in kniender Haltung und gleitet wieder sanft zu Boden.
Er macht kein Wesens daraus, es ist ihm wie eine große Last — oder wie ein Schlaf. Niemandem erzählt er, was er schaut. Alles spielt sich in der geheimnisvollen. Beziehung zwischen Gott und ihm ab. Wahrscheinlich erfährt er in diesen Entrückungen ganzheitlich die geheimnisvolle “unio mystica”, eine Vereinigung mit Gott, wie sie dem Menschen in dieser Welt sonst nicht zugänglich ist.
Nicht immer liegt er während der Ekstasen starr da: “Es kam auch vor, daß er seltsam zu singen oder sogar zu tanzen begann. Eine Beschwingtheit ergriff den Ungeschickten, eine übermächtige Freude erfüllte ihn, und er fing an zu hüpfen oder machte mit den Knien tanzende Gebärden. Man hat seine merkwürdigen Bewegungen mehrfach beobachtet”15 — ein heiliger “Gebetstanz”.
“Was berichtet werden kann, sind nur äußere Wahrnehmungen, der innere Vorgang bleibt aller Erfahrung entzogen und läßt alle Vorstellungen weit hinter sich, jede Ausschmückung würde ihm abträglich sein”16, psychologische oder parapsychologische Erklärungsversuche scheitern.
Josef von Copertino widerfahren solche Vorkommnisse sehr oft, man kann sagen, daß “sein ganzes Leben eine Kette von Ekstasen”17 und solchem Schweben wird. Diese spektakulären Ereignisse sind besonders gut beglaubigt, spielen sie sich doch in aller Öffentlichkeit ab. Dabei handelt es sich nicht nur um ein “Ruhen im Geist” oder ein Schweben über dem Boden an einer Stelle (“Levitation” oder “Elevation”), wie es in der Geschichte der Mystik18 mehrfach bezeugt ist, sondern um ein zielgerichtetes Fliegen, einen Körperflug. Das löst bei Augenzeugen Erregung, Angstgefühle, Faszination aus und zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Erlebten, damals, in der Zeit der beginnenden Aufklärung, und heute, in Wohlstand und technischem Perfektionismus. Es ist wie eine drängende Erinnerung an die übernatürliche Welt und eine nachhaltige Warnung, Sinn und Ziel unseres Lebens, die unsere sichtbare Welt überschreiten, nicht zu vergessen.
Walter Nigg macht in diesem Zusammenhang auch auf die Klage eines Bedrängten und seine Sehnsucht nach Gott im Alten Testament aufmerksam: “Wenn ich eine Taube wäre, flöge ich zu dir” (Ps 55, 7) und auf die Frage des modernen Menschen nach “Schwerkraft und Gnade” (bei Simone Weil19) sowie das tiefe Verlangen des religiösen Menschen, sich über die Niederungen und alle Last dieses Daseins zu erheben und der Erdenschwere aller Ichverhaftetheit zu entkommen — wie es in einem Negro‑Spiritual heißt: “Alle Kinder Gottes bekommen Flügel.” Und wir könnten die hintergründige Frage hinzufügen: “Warum können Engel fliegen?” und die Antwort: “Sie nehmen sich leicht!”

Fragen

Man stelle sich vor, wie sehr diese außergewöhnlichen Ereignisse in die Gemeinschaft des Minoritenkonvents eingreifen mußten und sie störten, bis zur Gottesdienstordnung hin. Pater Josef konnte nicht mehr zum Chorgebet oder zur gemeinsamen Mahlzeit der Brüder zugelassen werden, auch nicht zu öffentlichen Gottesdiensten und Prozessionen. Nicht einmal die öffentliche Feier der heiligen Messe konnte man ihm gestatten, das hätte die Zeiteinteilung völlig durcheinandergebracht. Kein Zweifel, er bringt seine Mitbrüder ungewollt so manches Mal schier zur Verzweiflung.
Fragen werden laut, Zweifel: Wirkt hier Gott, um die Menschen aufzurütteln oder doch nachdenklich zu machen? Oder ist es dämonisches Blendwerk? Ist dieser Mitbruder gar vom Teufel besessen? Es kommt zu Auseinandersetzungen um ihn, und es scheint auch der Widersacher tatsächlich nicht zu ruhen, um ihn anzugreifen, die Gnadenwirkungen zu durchkreuzen und Verwirrung zu stiften. Innere Anfechtungen und äußere Widerwärtigkeiten, Lärm und Quälereien aller Art treten auf — man kann sich das durch naturhafte Ursachen nicht erklären. Einige Male findet man Pater Josef, halb erschlagen, die Kleider zerrissen, unter einem Bretterhaufen. Man holt zu seinem Schutz einen Mitbruder, Ludovico, nach Copertino, der auch nachts bei ihm bleiben muß.
Josefs geistlicher Kampf geht weiter. In allem fragt er nach Gottes Willen, in diesen geheimnisvollen Vorgängen weiß er sich geborgen in Gottes Schutz. Er erkennt, daß alles dem Heil dienen soll, und bezeugt es vor den Pilgern. Innerlich frei und ohne Ängste, kann er nun zu den Leuten sprechen und berät sie mit schlichten Worten:
“Kinder, vertraut auf Gott; denn Gott allein ist es, der euch helfen kann. Kinder, liebet Gott und seid gut und brav! Gott wird für euch sorgen.” – “... nehmt eure Zuflucht zu meiner Mutter, die die Himmelsmutter ist, und seid nicht mehr ängstlich; denn meine liebe Mutter hilft euch in allen Bedrängnissen.”20
1631 erhält Pater Josef die Erlaubnis, endlich auch nach Assisi an das Grab des Ordensvaters und nach Loreto zu pilgern, aber er muß wegen einer ausbrechenden Pest wieder umkehren. Seine Sehnsucht wird sich später unter ganz anderen Umständen erfüllen.

Vertrauter Umgang mit Tieren

Bei allem Andrang geht der Minorit seinen geistlichen Weg unbeirrt weiter. Er eifert seinem Ordensvater nach, besonders in der Betrachtung der Liebe Gottes, in ihrer Selbstentäußerung in der Krippe und am Kreuz, in der Armut und im demütigen Dienst an allen Geschöpfen. Viele Einzelheiten erinnern an Berichte aus dem Leben des heiligen Franziskus und scheinen liebevoll den poetischen “Fioretti” (einer Blütenlese franziskanischer Legenden) nachgezeichnet zu sein: Wie er als Hirt mit Kindern aus Copertino dem Kinde von Betlehem mit Pfeifen, Flöten und Pauken aufspielt, vor ihm singt und voll Freude tanzt. Wie er vertrauten Umgang mit Tieren pflegt. Wie sich ein Häslein bei ihm vor den Jägern rettet. Wie er besonders den Lämmern zugetan ist. Einmal — Ort und Name des Besitzers werden ausdrücklich genannt — erweckt er eine Schafherde nach einem Blitzschlag bei schwerem Gewitter wieder zum Leben.
Doch es ist nicht nur Poesie — ein ganz neues, das franziskanische Naturverständnis wird deutlich. Die Freundschaft mit Tieren und mit allen Geschöpfen erwächst aus einer tiefen Übereinstimmung mit dem Schöpfer:
“... es steht eine religiöse Wahrheit dahinter; denn im geheimnisvollen Berührtwerden der Tiere kündet sich das Seufzen der stummen Kreatur an, die auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet.”
Dem in getreuem Gehorsam zu Gott stehenden Menschen “gehorchen auch wieder die Tiere” — es ist wie “eine Vorwegnahme des messianischen Reiches, in welchem der Gottesfrieden auch das Reich der Kreatur umfaßt”.21

Andere Gaben

Immer mehr zeigt sich auch eine besondere “innere Nähe” zu den Menschen. Er durchschaut sie; es ist wie ein “sechster Sinn”, mit dem er geheimste Gedanken und verborgene Sünden erkennt. Manchen sagt er es ins Gesicht, wenn sie nicht gut gebeichtet haben.
Offenbar hat er auch Kenntnis von Ereignissen und Personen in der Ferne oder in naher Zukunft. Bei großer Dürre auf der Salentinischen Halbinsel erbittet er den rettenden Regen. Er hilft in den verschiedensten Nöten, auch seinen Brüdern. Auf einem Bettelgang heilt er in San Pietro in Lama ein schwerkrankes Kind; als die Heilung sich herumspricht, verläßt er fluchtartig das Dorf. Den Priester Pomponio Imbeni aus Copertino befreit er unter Gebet, Handauflegung und Anrufung der Gottesmutter von eitrigen Geschwüren, Lucrezia Bove von schwerer Krankheit, das Kind Donato Ruperto von einer lebensgefährlichen Kopfverletzung. Auch von Fernheilungen wird — mit genauen Angaben von Name, Ort und Zeit — berichtet.
“Die Reihe solcher Ereignisse könnte noch fortgesetzt werden, würde aber über den Rahmen dieses bescheidenen Büchleins hinausgehen.”22 Ein für den Copertiner bezeichnendes Beispiel sei aber hier noch erzählt: Einen von Skrupeln geplagten Menschen warnt er vor der argwöhnischen Melancholie, muntert ihn auf und gibt ihm neuen Mut: “Siehe, ich nehme dir alle Skrupel vom Leibe hinweg, wirke Gutes, habe eine gute Meinung und sei unverzagt.” Dabei streichelte er ihm liebevoll sein Haupt.23
Jedenfalls fühlt sich Pater Josef glücklich, Menschen mit seinen außergewöhnlichen Gaben helfen zu können. Aber er führt sein Leben strenger klösterlicher Zucht und Abgeschiedenheit weiter. Doch der Herr ruft ihn nun in seine Kreuznachfolge.

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Der Graf St.Germain Empty Teil 3

Beitrag von Brainfire© am So 9 Jan - 11:14


Aufsehen in der Öffentlichkeit

heilige Josef von Copertino
Die Auseinandersetzungen um Josef von Copertino werden härter. Nicht nur Gutwillige und Wohlmeinende kommen zu ihm, nicht nur wirklich Bedrängte und Hilfesuchende. Erste Schwierigkeiten werden sichtbar: Da vergißt jemand, sein vor einer Heilungsbitte gegebenes Versprechen einzulösen, dort hält sich ein Kranker nicht an den Rat Josefs, zum Arzt zu gehen, andere werden trotz ärztlicher Behandlung und trotz Josefs Gebet nicht geheilt.
Einen nachlässigen Priester weist der sonst so liebevolle und demütige Minorit in aller Öffentlichkeit scharf zurecht. Viele beginnen ihn wegen ihres sündhaften Lebenswandels zu fürchten und wagen sich nicht in seine Nähe. Wer ihm begegnete, mußte ja damit rechnen, daß er ihn bis auf den Grund seines Herzens durchschaute und vielleicht sogar “aufdeckte”. Pater Josef kündet ohne Ansehen der Person Strafen an, die bei Unbußfertigkeit auch eintreten, und spart nicht mit Vorhaltungen, ehe er für jemanden betet.
Don Orazio Saluzzo, ein Baron von Lèquile, provoziert ihn und sticht auf ihn ein, als er ihn zur Rede stellte. Josef sagt ihm den baldigen Tod voraus, um ihn zur Einsicht zu bringen, und mahnt ihn, die Sakramente zu empfangen. Der Baron stirbt versöhnt am 11. September 1634.
Josefs Vorgesetzte greifen ein, mahnen ihren Mitbruder zu seelsorglicher Klugheit und Mäßigung und verbieten ihm, Mitmenschen so deutlich die Wahrheit zu sagen. Daraufhin kleidet Josef seine Mahnungen in bildhafte Sprüche ein, die künftig für ihn bezeichnend sein werden:
“Meine Kinder, haltet eure Armbrust bereit, sonst kriegt ihr den Vogel nicht. Gott ist wie der Vogel und ihr müßt euren Blick auf ihn gerichtet und die Armbrust in Anschlag halten, sonst bekommt ihr ihn nicht!'
Und wenn er einen Verweis geben mußte, tat er es nun schonender: “Ihr habt eure Armbrust nicht auf das Ziel gerichtet.” Oder: “Geh und bring deine Armbrust in Ordnung. Sie hat weder Pfeil noch Sehne.” — “Die Sehne ist zu schlaff.”24
Unruhe in der Bevölkerung kommt auf. Wenn der Minorit mit Hochgestellten zu tun bekommt, fühlen sich Arme zurückgesetzt und umgekehrt. Mancher Rat von ihm greift in Erwartungen und vermeintliche Rechte anderer ein, wenn zum Beispiel Mädchen gegen ihren Willen zur Heirat bestimmt wurden und Pater Josef um Hilfe baten. Oft muß er sich durch Flucht vor Aggressionen retten. Seine Unbescholtenheit und Lauterkeit wird immer offener angezweifelt. Seine Oberen geraten in nicht geringe Schwierigkeiten: Schon eine Einschränkung seines Wirkens außerhalb des Klosters würde auf erregten Widerspruch stoßen, die Erwartungen der
Bevölkerung, auch Einflußreicher, sind bereits zu groß. Behutsam versucht man, Josefs Lebensweise zu ändern, er muß seine Klosterzelle wechseln, seine Askese mildern, darf nicht mehr auf blankem Boden schlafen wie bisher. Manche Mitbrüder schämen sich des Sonderlings und wollen ihn zum “normalen Maß” zurückführen. Einige erwarten einen finanziellen Ertrag aus seiner Tätigkeit und können nicht begreifen, daß er Spenden, die ihm Reiche aus Dankbarkeit angeboten hatten, nicht annimmt. Sogar Kerzen, die ihm Kaufleute schenken wollten, habe er abgelehnt. Manchmal kommt er mit zerfetzter Kleidung von seinen Ausgängen zurück — man hatte sich Stücke von seinem Ordensgewand oder vom Gürtel abgerissen. Sein Widerwille gegen Hab und Gut, vor allem in Verbindung mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten, findet wenig Verständnis und sogar Spott. Einmal hatte man ihm ohne sein Wissen ein Geldstück in der Kapuze versteckt, und er wurde davon wie unter einer schweren Last niedergedrückt und vor Beklemmung fast ohnmächtig.
Zu allem holt ihn auch noch die Vergangenheit ein in Form der Schulden seiner Verwandten. Der Ordensmann wird in häßliche Händel hineingezogen. Seine Mutter ist in Not geraten und sucht mehrmals bei ihrem Sohn Hilfe. “Sie, die strenge Frau .... hatte ihn, wenn sie ihm auf der Straße begegnete, nie eines Blickes gewürdigt”, sagte sie doch, sie sei nur seine Pflegemutter gewesen, weil er der Madonna gehöre. Jetzt muß sie ihn um etwas Brot bitten und mit leeren Händen weinend wieder nach Hause gehen. Ihr Sohn erinnert sie: “Ich habe nichts; denn ich bin selber arm”, und als sie ihm vorhält, sie sei doch seine Mutter: “Ich habe keine Mutter. Meine Mutter ist die Himmelsmutter, und diese ist auch deine Mutter. Geh zu ihr, sie wird dir helfen.” Zu Hause findet sie dann genug Brot im Backtrog.25
Der für Pater Josef zuständige Ordensprovinzial, Pater Antonio da Santo Mauro Forte, läßt sich ‑trotz widersprüchlicher Meinungen unter den Brüdern — durch die Bescheidenheit und Lauterkeit des Copertiners überzeugen und schickt ihn sogar durch die ihm unterstehenden Klöster in Apulien, es sind ungefähr fünfzig. Er hofft, die Brüder durch die außergewöhnlichen mystischen Erfahrungen und die überzeugende demütigende Lebenshaltung Josefs zu größerer Frömmigkeit anzuspornen. Josef fügt sich widerstrebend im Gehorsam und zieht fast ein Jahr lang von Konvent zu Konvent. Seine Mitbrüder erfahren die übernatürliche Atmosphäre, die den Unscheinbaren umgibt, erleben seine Ekstasen und mystischen Flüge greifbar mit, die Leute drängen sich, um ihn bei der Feier der heiligen Messe zu sehen. In der Kathedrale von Giovinazzo/Bari wiederholt es sich, daß es den Beter vor ausgesetztem Allerheiligsten wie so oft in die Höhe und nach vorn reißt. Die Leute geraten in helle Begeisterung und rufen: “Ein Wunder!”

Anzeige beim kirchlichen Gericht

Doch im Domkapitel von Matera und beim Adel kommt der Verdacht auf, dieser Minorit wolle sich mit Hilfe seiner Brüder und Anhänger nur zur Schau stellen und “den Messias spielen”. “Echte Heilige gehen nicht unter die Menge, um sich bewundern zu lassen! — (Ist dieser Satz nicht richtig?) Sie wissen nichts davon, wie sehr Pater Josef sich gegen den Auftrag gewehrt hatte und unter ihm leidet. Und: Verstehen sie wirklich etwas von echter Heiligkeit? Wenn sie nicht einmal nach den wirklichen Tatsachen und Motiven fragen!
Der Apostolische Administrator der Diözese, Monsignore Palamolla — der Bischofssitz Matera war seit zehn Jahren vakant —,läßt am 26. Mai 1636 eine amtliche Anzeige beim Heiligen Offizium erstatten, die von der ersten Instanz in Neapel ordnungsgemäß nach Rom weitergeleitet wird. Dort prüft die Zentralkommission des kirchlichen Gerichtshofs diese heikle Angelegenheit. Papst Urban VIII. entscheidet zunächst, einen neuen Bischof in diese Diözese zu senden, und gibt ihm den Auftrag, den Prozeß gegen den auffälligen Minoriten an Ort und Stelle wieder aufzunehmen. Das geschieht im September 1637.
Pater Josef hatte erst seine “apostolische Reise” unbeirrt im Gehorsam fortgesetzt, wird aber zunehmend von beängstigenden Vorahnungen bedrängt. Er erlebt ja, wie er ständig argwöhnisch beobachtet wird, und muß befürchten, daß Material gegen ihn gesammelt wird. Die Leute, der Lärm um ihn werden ihm lästig. Er bittet seine Oberen, ihn nach Grottella zurückzuschicken, ihm die öffentliche Eucharistiefeier zu verbieten und ihm die Zurschaustellung seiner Entrückungen zu ersparen. Doch sie beschwichtigen ihn — sein Leiden sei von Gott gewollt.
Josef nimmt Zuflucht zur Madonna und erhält am 2. April 1637 die Zusicherung, daß er bei der öffentlichen Feier der heiligen Messe nicht mehr entrückt würde: “Aber bereite dich auf ein noch schwereres Kreuz vor!” Erst Jahre später, in seiner Einsamkeit, werden sich die ekstatischen Zustände wieder einstellen.
Gerade in diesen Wochen wird er immer wieder auf das Geheimnis des Kreuzes verwiesen. Auf dem Weg von Copertino nach Grottella hatte er einen Kreuzweg errichtet, der beim Kloster in eine Art Kalvarienberg mündete. Immer wieder fühlt er sich zu diesen Kreuzen hingezogen, des öfteren wird er von überschwenglichen Gefühlen hingerissen. “Ich sah ein Kind auf dem Kreuz und umarmte es, und mein Herz entbrannte.” Eine innere Stimme bedeutet ihm jedoch: “Laß diese toten Kreuze und nimm das lebendige Kreuz auf dich!” Was für ein “lebendiges Kreuz”? Er weiß keine Antwort. Wieder sieht er Jesus — als Kind, ein Kreuz auf seinen Schultern.
An einem schwülen Sommertag trifft die Vorladung aus Rom ein: er habe sich dem Inquisitions‑Gericht in Neapel zu stellen. Der Obere verheimlicht das Schreiben vor ihm und versucht, staatliche Instanzen einzuschalten. Doch Pater Josef tritt ihm unerwartet entgegen und verlangt den Brief, nimmt ihn in ergebenem Gehorsam an sich und bricht am 21. Oktober mit seinem Beichtvater Pater Diego Galasso und Fra Ludovico nach Neapel auf.
Die Nachricht davon verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Gegend, die Meinungen sind geteilt, viele bedauern den Ordensmann und beklagen seinen Weggang, andere, gerade ihm Nahestehende, halten sich vorsichtig zurück. Wer weiß, ob Pater Josef nicht eine strenge Bestrafung durch die Inquisition zu erwarten hat. Freunde in der Not ...
Auch in Neapel, im Kloster San Lorenzo, wird der fremde Pater nicht gerade freundlich empfangen — kein Wunder, die Umstände seines Besuchs sind ja bekannt. Man sperrt ihn in eine Zelle ein. Josef verbringt eine unruhige Nacht in quälenden Gedanken und trostlosem Gebet:
“Werden sie mich verurteilen? Vielleicht halten sie mich sogar für einen Besessenen — oder kann es sein, daß sie mich als einen Zauberer ansehen, dann würde ich gefoltert und getötet.”26
Er fleht zur heiligen Katharina von Siena um Fürsprache.
Wir wissen, daß diese Angst vor der Inquisition — abgesehen von allem anderen — nicht unbegründet war ...

Vor der Inquisition

Am 25. November steht er vor dem Inquisitions-Gericht. Auf dem Weg dorthin wird er von einem jugendlichen Mitbruder getröstet, den aber sein vertrauter Begleiter Fra Ludovico nicht wahrnahm. War es der heilige Antonius von Padua?
Viele Zeugen hatten sich bemüht, die Heiligkeit des Ordenspriesters anzufechten. Nun steht er selbst vor seinem Richter, Monsignore Antonio Ricciullo, und den Beiräten, wird unter Eid genommen und muß seine Lebensgeschichte erzählen. Man prüft seine Lateinkenntnisse — er muß aus dem Brevier vorlesen — und seine geistige Zurechnungsfähigkeit, gilt er doch als sehr beschränkt.
Zwei Tage später werden die Ereignisse von Giovinazzo verhandelt. Um sich selbst durch Augenschein zu überzeugen, befehlen ihm seine Richter, die heilige Messe in ihrer Anwesenheit zu feiern. Doch es ereignet sich nichts Auffälliges dabei. Nur bei der Danksagung danach wird Josef, seiner Sinne völlig entrückt, über Blumen und Leuchter zum Altar emporgetragen, gleitet wieder zu Boden und singt und tanzt auf den Knien, ohne zu wissen, wie ihm geschieht. Anwesende Nonnen geraten außer sich und schneiden nachher Stücke aus seinem Ordenshabit als Andenken an dieses Erlebnis.
Das dritte Verhör ist auf den 1. Dezember angesetzt. Josef sagt wahrheitsgemäß aus, daß er seinen Oberen in Grottella flehentlich gebeten habe, ihn nicht in die Öffentlichkeit zu schicken, und nur im Gehorsam die Reise durch die Konvente auf sich genommen habe. Über seine Ekstasen in Giovinazzo befragt, antwortet er:
“Ich kann mich nicht erinnern, was mir dabei zugestoßen ist; denn ich wurde von Pater Guardian geführt, und es war ein großes Gedränge, und ich ging ganz ungern in jene Volksmenge und wußte dabei nicht, wie mir geschah, und der Pater Guardian sagte Worte zu mir, die mich beschämten.”
Zu den Entrückungen allgemein bekennt er:
“Diese Ereignisse bereiten mir immer ein wahres Unbehagen, sei es, daß sie über mich kamen, während ich die heilige Messe zelebrierte, sei es, daß sie mich beim Gebet oder bei anderen geistlichen Übungen erfaßten .... und ich habe immer Angst, ich könnte durch sie getäuscht werden und in Versuchung geraten ... Dieses Fortgerissenwerden geschieht häufig beim betrachtenden Gebet, und wenn ich Gott Dank sage. Ich habe daher besonders acht auf mich und übe das Gebet abgesondert, allein für mich, oder in der Zelle oder sonst an einem stillen Ort des Klosters..., damit man mich nicht sehe, wenn jene Bewegungen über mich kommen.”27
Am 2. Dezember wird der Guardian Pater Josefs verhört. Die Prozeßakten werden geschlossen und nach Rom gesandt, zur endgültigen Prüfung und Entscheidung in Anwesenheit des Papstes. Monate vergehen darüber.
Im Kloster ändert sich die Stimmung, die Mitbrüder versuchen, ihr anfängliches Verhalten wieder gutzumachen, und behandeln Pater Josef mit Zuvorkommenheit und Respekt. Prälaten und Adlige — auch erlauchte Namen werden ausdrücklich genannt — wollen den kennenlernen, von dem man sich in ganz Neapel so außergewöhnliche Dinge erzählt, und bitten, an seiner Messe teilnehmen zu dürfen. Die Inquisition und die Gefahr einer Wiederaufnahme der gestrengen Überprüfung werden darüber vergessen. Pater Josef erträgt es mit Gelassenheit und wartet geduldig auf den Ausgang des Prozesses.
Am 18. Februar 1639 wird er zum Ordensgeneral der Minoriten in Rom zitiert. Zugleich erhalten seine Oberen für ihr Verhalten einen strengen Verweis. Man versucht ihn unter Vorwänden in Neapel festzuhalten. Er verläßt mit seinen Begleitern heimlich die Stadt. Aber sie kommen nicht weit. Man zwingt sie zurückzukehren. In Neapel wird gerade in ausgelassener Tollheit Karneval gefeiert — Pater Josef erleidet in prophetischer Schau das Ausmaß der sittlichen Zügellosigkeit und sieht voraus, daß die Stadt dafür einmal “bitter büßen” werde.
Er schreibt an den Ordensgeneral und ergreift bei nächster Gelegenheit wieder die Flucht. Mitte April erreichen sie Rom. Man kann sich denken, daß Pater Josef nicht gerade gnädig empfangen wird — ein Mitbruder, der mit der Inquisition zu tun hat, bereitet den Oberen nichts als Kummer und Sorgen. Doch der Kardinalprotektor des Ordens tröstet und ermutigt ihn.
Das Heilige Offizium entscheidet, daß der Ordenspriester vom Volk getrennt und unter der geistlichen Leitung eines erfahrenen Beichtvaters weiter geprüft werden soll. So bleibt, was die Echtheit, seiner mystischen Erfahrungen angeht, zunächst alles in der Schwebe. Der Orden versetzt ihn nach Assisi, in den Großkonvent am Grabe des Ordensvaters. So geht auf diesem Weg sein alter Wunsch, in unmittelbarer Nähe des heiligen Franziskus zu leben, in Erfüllung. Ostern reist er in Rom ab, am Fest seiner Schutzpatronin Katharina von Siena trifft er in Assisi ein.

Weitere Prüfungen

Dort wird er natürlich mit gemischten Gefühlen erwartet. Es beginnen bittere Jahre für ihn. Ein neuer Hausoberer — Pater Antonio von San Mauro Forte hatte ihn früher sehr geschätzt — nimmt die Entscheidung der Inquisition, die Heiligkeit Josefs zu “prüfen”, wörtlich und bedrängt und quält ihn auf alle mögliche Weise. Als es schließlich auch Mitbrüdern zu bunt wird und sie darüber nach Rom berichten, wird Pater Josef der Verantwortung der römischen Ordensleitung direkt unterstellt. Das konnte natürlich dem unmittelbaren Vorgesetzten nicht recht sein. Ausgerechnet in dieser Zeit wird sein vertrauter Seelenführer nach Todi versetzt; dessen Nachfolger macht ihm “durch sein eifersüchtiges und zwiespältiges Benehmen das Leben sauer”28.
Doch Pater Josef weiß sich in Assisi unter dem Schutz der Gottesmutter geborgen. In den Zügen der Madonna auf dem berühmten Bild von Cimabue in der Unterkirche, über dein Grab des heiligen Franziskus, erkennt er die Gesichtszüge Mariens vom Gnadenbild der Grottella. Bei seinem ersten Besuch hatte es ihn sofort emporgehoben und achtzehn Schritte weit über den Boden zu diesem Bild hingerissen, daß er es berühren konnte. Trotzdem überfallen ihn wieder tiefe Einsamkeit, Trostlosigkeit und Krankheit. Magenkrämpfe und Blutbrechen setzen ihm zu. Er hat keine Freude mehr an Gebet und geistlicher Betrachtung. Ekstasen und Entrückungen kommen kaum noch vor. So ist ihm auch noch diese Freude und Stärkung im Geist genommen. Er, wahrhaftig in Trostlosigkeiten erfahren, bekennt: “Ich hätte früher nicht gewußt, was Traurigkeit ist.” Heimweh nach der Grottella packt ihn, er gibt der Versuchung nach, sich an einflußreiche Freunde zu wenden, um eine Rückversetzung nach Copertino zu erreichen. Doch die werden von unerklärlichem Unglück getroffen. Seine Oberen geben ihm ausweichende Antworten, auf ihn wirkt ihr Verhalten wie Interesselosigkeit.
Nach fünf bitteren Jahren wird er erneut zum Generalminister des Ordens zitiert. In der Hoffnung, endlich aus der Klosterhaft befreit zu werden, begibt er sich, wieder in Begleitung von Fra Ludovico, im Februar 1644 nach Rom. Doch beim Anblick der Ewigen Stadt wird ihm deutlich, daß seine Hoffnung enttäuscht werden sollte und er nach Assisi zurückkehren müßte.
Anlaß zur vorübergehenden Berufung nach Rom war etwas ganz anderes: Der Fürst Johann, Bruder des Königs von Polen — er kannte Pater Josef von einem Aufenthalt in Assisi her —,war inzwischen in den Jesuitenorden eingetreten. Er hatte darum gebeten, ihn sprechen zu können, um sich vor einer wichtigen Lebensentscheidung von ihm beraten zu lassen. Da nun Pater Josef schon in Rom war und es sich schnell herumsprach, schlossen sich andere Gespräche an, auch mit Kardinälen. Der Minorit nutzte auch diese Gelegenheit, die große Wallfahrt zu allen römischen Basiliken zu unternehmen. Die Karwoche dieses Jahres verbrachte er im Kloster zu den Zwölf Aposteln in trüben Vorahnungen. Vor seiner Rückkehr nach Assisi machte man ihm den Vorschlag, nach Monterotondo zu gehen, wenn er sich wegen seiner Krankheiten in Assisi nicht wohlfühlte, aber er kehrt an das Grab des heiligen Franziskus wieder zurück, dort wolle er lieber als an einem anderen Ort sein — seine Heimat, das Klösterchen Grottella, ausgenommen. Er hatte erst “den Willen Gottes in dieser Sache nicht erkannt”, jetzt sieht er ein, “daß Gott nur einen Strich durch die Rechnung gemacht hat”.29

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4. Mystische Erfahrungen

Außergewöhnliche Gaben

heilige Josef von Copertino
In Assisi erwartet man ihn diesmal mit großer Freude. Statthalter und Magistrat hatten sich beim Generalminister für ihn verwandt. Am 10. April 1644 wird er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Tage danach erklären die Brüder des Sacro Convento ihn, den man bisher nur als Häftling hatte aufnehmen müssen, zum Mitglied ihrer Hausgemeinschaft. Nun wird er immer mehr zum geschätzten Berater und Tröster in allen Lebenslagen, vor allem bei Kümmernissen und Leiden — er, der selbst der Geistlichen Leitung durch einen erfahrenen Beichtvater unterstellt worden war.
Ein Zeuge wird später aussagen: “Es gab niemanden in der Stadt, der in seiner Not nicht bei ihm Zuflucht suchte und um seine Fürsprache bat.” Auch der Bischof Baglinioni Malatesta holte sich öfter bei ihm Rat. Auf seine Fürbitte hin bleibt Assisi von den Schäden eines Krieges bewahrt. Sein Ruf verbreitet sich — ohne sein Zutun, ja gegen seinen Willen — in den Dörfern und Städten des ganzen Landes und darüber hinaus, zumal Assisi ja von vielen Pilgern aus ganz Europa aufgesucht wird. Nun wird, wie ausdrücklich vermerkt ist, die Stadt des heiligen Franziskus auch durch ihn zur “Stadt auf dem Berge”, sein Leben zu einem “Licht auf dem Leuchter”.
Die Aufmerksamkeit, mit der man ihn jetzt behandelt, kommt ihm unverdient und übertrieben vor. Aber als Abgeordnete des Magistrats ihm feierlich ein offizielles Dank‑Diplom der Stadt Assisi überreichen, trägt es ihn in großer Freude bis an die Decke empor. Nachher eilt er an das Grab des Ordensvaters und bittet ihn um Verzeihung, daß er einmal von Assisi fortwollte.
Er hatte sich in seine Verbannung ergeben, Ruhe und Friede waren wieder in sein Herz eingekehrt. Neun Jahre sollte er noch in Assisi bleiben und wirken.
Er verbringt diese Zeit in möglichster Abgeschiedenheit, in äußerster Armut und Bedürfnislosigkeit, fastend und dem beschaulichen Gebet hingegeben, in nächtelanger vertrauter Zwiesprache mit seinem Gott. Am liebsten hält er sich am Grab des Ordensvaters vor dem Tabernakel auf oder vor der Marienstatue. Oft reinigt er sein Gewissen im Bußsakrament. Seine tägliche Meßfeier dauert über zwei, manchmal bis zu fitinf Stunden, wenn ihn mystische Erfahrungen entrücken. Dabei ist er bemüht, sich genau an den Ritus und die Gebete zu halten. Allzu hastige Priester vergleicht er mit Menschen, die zu heiße Bissen nicht im Mund behalten können und unzerkaut herunterschlucken.
Im kontemplativen Gebet, in der Nähe des Tabernakels, in der Feier der Eucharistie findet er die Erfüllung seiner Sehnsucht, oft reißt es ihn geradezu in die Höhe, oder er gerät so außer sich, daß er lacht und weint, zittert und tanzt wie ein Betrunkener. An seinem äußeren Verhalten, seiner Haltung und seinen Gebärden kann man ablesen, was ihn innerlich bewegt, an dem körperlichen Emporgehobenwerden seinen geistigen Aufstieg zu Gott, an dem Flug nach vorn sein großes Verlangen nach Vereinigung mit Gott, am schwebenden Zurückweichen seine Demut und menschliche Unwürdigkeit vor dem Heiligen. Das “Gleichgewicht” zwischen der natürlichen Schwerkraft und seinem geistlichen Aufschwung, zwischen dem normalen sinnenhaften Leben und religiöser Entrücktheit ist auf schmalem Grad so “fein eingestellt”, daß es oft nur eines geringen Anstoßes bedurfte, um ihn ganz “außer sich” zu bringen.30 Für viele wird er zur lebendigen, anschaulichen Darstellung des Ergriffenseins von den Heilsgeheimnissen, des Aufstiegs eines Menschen zu Gott.
Er wehrt sich gegen alle Neugier anderer, entschuldigt sich immer wieder wegen seiner Hinfälligkeit mit “Krankheit” und erklärt seine häufigen Entrückungen als Schlaf. Ja, er bittet Gott darum, ihn von auffälligen Zuständen zu befreien. Doch sie werden fast zum Dauerzustand, kommen plötzlich und unvermittelt über ihn, auch mitten in einem Gespräch, manchmal schon beim bloßen Gedanken an eine Glaubenswahrheit oder ein Lied. Von Predigten, die er, den Blicken anderer entzogen, im kleinen Chorraum hört, läßt er sich so packen, daß er manchmal laut aufschreit und buchstäblich “hingerissen” wird.
Ohne daß er es weiß, bemerken andere in seiner Gegenwart einen angenehmen Wohlgeruch. Als er darauf angesprochen wird, verweist er ablenkend auf die Blumen in der Nähe.

Die Gabe der Heilung

Eines Tages beobachtet man, wie er einen Hinkenden heilt. Man wird aufmerksam auf andere Heilungen. Durch seinen Segen oder durch eine Berührung mit der Hand vergehen Schmerzen und Geschwüre. Einen offensichtlich Verwirrten — der Name des Ritters wird ausdrücklich genannt — packt er, hebt ihn empor und heilt ihn so während einer seiner Ekstasen. Sogar von seinen Kleidungsstücken geht heilende Wirkung aus.
Er versucht, von seiner Person abzulenken, nimmt Öl vom Bild des heiligen Franziskus und spricht das Segensgebet des Heiligen: “Der Herr segne und bewahre dich ...” (vgl. Num 6, 22‑24). Durch ein Blatt mit diesem Segen wird ein sterbendes Kind gesund. Solche Blätter wandern von Hand zu Hand, werden abgeschrieben und machen seinen Ruf in ganz Europa bekannt.
Aus vielen Orten kommt die Nachricht auffälliger Heilungen durch diesen Segen. In Polen erhält ein Blinder sein Augenlicht wieder. Oft genügt es, daß Hilfesuchende aus der Ferne zu ihm rufen, er “vernimmt” es und betet für sie. Seeleute werden aus Seenot gerettet, während er in Assisi auf den Knien liegt. Der Neffe des Bischofs von Perugia wird in der Stunde von seiner schweren Lähmung befreit, in der Boten die Bitte um Gebetshilfe überbringen und Pater Josef für den Kranken zu beten beginnt.
Er erscheint einem Schwerkranken am Bett, verspricht ihm Genesung und verschwindet wieder. Seine Mutter, so wird berichtet, muß ihn noch in ihrer Sterbestunde gesehen haben und stirbt getröstet mit den Worten: “O Giuseppe, mein Sohn!” Die Anwesenden können sehen, wie ein Lichtstrahl durchs Fenster fällt und die Sterbende ihm zuwinkt.

Die Prophetengabe

1647 erlebt er die blutige Revolution in Neapel mit, als wäre er selbst mitten in diesem Aufruhr, rettet aus der Ferne Menschen, die nach ihm rufen, aus Todesangst, schützt auf wunderbare Weise aus diesem Bruderzwist Bekannte vor Mördern. Am 29. Juli 1644 sagt er vor der heiligen Messe: “Der Papst ist gestorben. Am Sonntag wird das auch hier in der Stadt bekannt sein” und feiert das Totengedächtnis für ihn. Erst am folgenden Sonntag gelangt die Nachricht vom Tod Urbans VIII. nach Assisi.
Immer wieder kündigt er die Heilung eines Kranken an: “Sag ihm, er soll Vertrauen haben, er wird gesund.” Und es tritt jedes Mal so ein. Geburt und Tod sagt er voraus und stärkt und tröstet Leute vor großem Leid, das er kommen sieht — offenbar werden nicht alle geheilt und vor Leiden bewahrt.
Er prophezeit zwei Priestern die Ernennung zum Bischof, dem Kardinal Emilio Altieri von Camerino die Wahl zum Papst, dem Kardinal Odescalchi schnelle Hilfe in einer Hungersnot in Ferrara.

Erkenntnis und Weisheit

Die Quellen listen geradezu die vielfältigen Gaben auf, die in Pater Josef wirksam waren: die Gabe der Herzenskenntnis zum Beispiel, von der schon die Rede war, jetzt geläutert durch große seelsorgliche Behutsamkeit, die auf Buße, Lebensumkehr und Beichte abzielt. Die einen bewahrt er durch Blicke und mahnende Worte vor schwerer Schuld, anderen deckt er ihren Seelenzustand auf, daß sie einsichtig werden. Einen Adligen fragt er mit Blick auf seinen Pagen: “Woher hast du denn diesen Mohren?” und bewegt den jungen Diener zum Beichten: “Geh und wasch dich rein, mein Sohn!” Unzuchtssünden empfindet er als unerträglichen Gestank und die Menschen als abstoßend: “Habt ihr mit Tinte gearbeitet und euer Gesicht damit besudelt? Geht und wascht euch!”
Gelehrte und Wissenschaftler bezeugen, wie Pater Josef mit einer solchen Klarheit und Tiefe der Erkenntnis und des Wissens über die Glaubensgeheimnisse sprechen konnte, daß sie darüber staunten. Aus seiner mangelhaften Ausbildung konnte das nicht stammen. Pater Bonaventura Clavero, Rektor des Universitätskollegs zu Potenza und später Bischof, kommt eigens nach Assisi, um monatelang täglich mit dem schlichten Franziskaner geistliche Gespräche zu führen, über schwierige theologische Fragen wie Gnade und Freiheit, Sünde und Rechtfertigung und die Verantwortlichkeit menschlichen Handelns. “Seine Worte waren wie von einem übernatürlichen Licht beleuchtet und wie von oben her eingegeben.” Kardinal Facchinetti legt ein ähnliches Zeugnis ab:
“Wenn er von Gott sprach, verband er seine eigenen Erfahrungen mit den Ergebnissen der Wissenschaft, entzückte durch seine Einfachheit das Herz und erfüllte mit seiner Lehre den Geist. Ich hörte ihn über das Thema Natur und Gnade wunderbar sprechen und mit herrlichen Ausdrücken das göttliche Wirken der Gnade und die Freiheit des Menschen darlegen.”31
Der Unwissende und nur schlecht und recht Ausgebildete — er verstand gerade das gewöhnliche Latein — versteht und beantwortet auch schwierige Fragen klar und aus tiefer Erkenntnis. Der Kardinal Brancati, selbst ein bekannter geistlicher Schriftsteller und vormals Lektor an der Sapienzia in Rom, erwähnt ihn in seinen Werken und beruft sich in seinem Buch “Über das Gebet” bei seinen Ausführungen über die Mystiker auf “seinen Lehrer”Josef von Copertino.

Läuterung

Wie gefährdet solche außerordentlichen Gaben sein können — auch das zeigt das Leben unseres Mystikers. Es gibt neue Schwierigkeiten, eine neue Leidensgeschichte beginnt. Bis April 1646 hatte Pater Josef die heilige Messe öffentlich feiern können. Die Schar Andächtiger, aber auch bloß Neugieriger nimmt zu. Die Sensationsgier der Leute gewinnt immer mehr Oberhand, Schaulustige vergessen jede Zurückhaltung, Aufdringliche bedrängen ihn. Ihm kommt es vor, als liege er verschüttet unter einem Steinhaufen:
“Wenn die Frauen mit mir reden und rechten wollen, müssen sie es so machen, wie diejenigen, die zum Brunnen gehen, um Wasser zu holen. Sie holen sich Wasser, lassen aber den Brunnen dort stehen, wo er ist.”32
Er versucht, jedes Aufsehen zu vermeiden, aber die auffälligen Vorkommnisse stehen nicht in seiner Verfügung, er kann sie weder hervorrufen noch verhindern. Schließlich bittet er seine Oberen um Hilfe.
Innozenz X., seit zwei Jahren Papst, war vorher der gestrenge Sekretär des Inquisitionsprozesses gegen Pater Josef. Jederzeit muß mit Wiederaufnahme des Verfahrens gegen ihn gerechnet werden. Um dem zuvorzukommen, verbieten die Verantwortlichen ihm, die Eucharistie öffentlich zu feiern. Er zieht sich in eine abgelegene Hauskapelle zurück und erfährt eine Fülle von Freude. Zugleich empfindet er das Unverständnis und Haschen nach Sensationen in der Öffentlichkeit als kränkend.
Wiederum werden alte Vorwürfe und Anklagen laut und bleiben ihm nicht verborgen. Man schwätzt über ihn hinter seinem Rücken, verdächtigt ihn als “Gefangenen des Heiligen Offiziums”, hält ihn für geistesgestört oder gar vom Teufel besessen. Gegner feinden ihn an, Freunde lassen ihn im Stich, andere fühlen sich durch seine Zurückhaltung beleidigt. Man überwacht eifersüchtig alle Vorkommnisse und sucht geradezu nach Anlässen zu Kritik und Vorwürfen gegen ihn. Es kommt sogar soweit, daß sich Leute krank stellen oder Hilfsbedürftigkeit heucheln, um seine Heilkraft und Heiligkeit herauszufordern oder “auszuprobieren”.
Bei alldem erfährt Josef von Copertino immer deutlicher Anfälligkeit und Verletzlichkeit, sein von Natur aus reizbares, heftiges Temperament bleibt nicht unberührt davon. Aber schon deshalb sieht er sich außerstande, sich zu wehren oder etwas zu seiner Rechtfertigung zu unternehmen. In dieser inneren Zerrissenheit wird er mißtrauisch und sagt sogar einem Besucher ganz offen: “Du denkst schlecht von mir.” Und einmal kommt ihm eine Art Genugtuung erschreckend zu Bewußtsein, als er erfährt, daß “der Herr dann und wann solche strafte, die ihm übel gesinnt waren”.33
Von neuem kommen schwere Anfechtungen über ihn, seine erzwungene Einsamkeit macht ihm zu schaffen, Ängste und Zweifel bedrängen ihn, Schlaflosigkeit bei großer körperlicher und geistiger Müdigkeit quält ihn zusätzlich. Es drängt ihn, zu den Kranken und Unwissenden hinauszugehen und sein Leben, auch als Blutzeuge, wenn es sein könnte, für das Evangelium einzusetzen. Es wird ihm geradezu unerträglich, nicht als Priester wirken, keine Sakramente spenden, nicht predigen zu dürfen. Zu den festlichen Prozessionen ziehen seine Brüder hinaus, ihn lassen sie einsam im leeren Kloster zurück, in tiefster Depression. Einmal bemerkt er zu einem Mitbruder:
“Wenn jemand nach mir fragt, sag ihm, ich bin ein toter Mensch. Die anderen Ordensleute haben das Glück, die Kirche besuchen zu dürfen, ins Chor zu gehen und all das zu tun, was die Ordensregel vorschreibt. Ich dagegen bin unnütz und kann nichts Brauchbares leisten.”34
Muß er erst im eigenen Leben ganz persönliche Schwäche, Torheit, Erniedrigung und Ohnmacht erfahren, damit Gott sich in ihm als der Weise und Starke beweisen kann? Muß auch in ihm erst alles “vernichtet” werden, damit Gott ihn erwählen kann, um durch ihn alles “Weise und Starke in der Welt zuschanden zu machen”? — “Das, was nichts ist, hat Gott erwählt, um das, was etwas ist, zu vernichten” (vgl. 1 Kor 1, 28).
Er erkennt die Läuterung und Einübung in das Loslassen eigener, auch religiöser Wünsche und Vorstellungen — ein weiteres “Sterben des alten Menschen”, damit der “neue Mensch” erstehe “nach dem Bilde Gottes, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit” (Eph 4, 29). Und er nennt Gott seinen “guten Novizenmeister”35, der ihm “seinen Ruhm auf der sicheren Grundlage der Demut” bereite. Ruhm auf der Grundlage der Demut!
In seiner äußeren Situation tritt eine gewisse Entlastung ein. Er hat einflußreiche Freunde. Kardinal Odescalchi, der spätere Papst Innozenz XI., sucht ihn persönlich auf und tritt in aller Öffentlichkeit und vor dem kirchlichen Gericht allem bösen Gerede über ihn entgegen. Dem Volk wird wieder erlaubt, an der heiligen Messe Josefs teilzunehmen. Trotz seines anfänglichen Widerstrebens fügt sich Josef und unterwirft sich in allem den Weisungen seiner Oberen. Dann und wann widersetzt er sich ihnen auch, wenn er überzeugt ist, “einer höheren Weisung folgen zu müssen”.
Auf dem Wege des Gehorsams und der Demut reift er zum vollkommenen Zeugen der größten aller Gaben, der Liebe.
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Beitrag von Brainfire© am So 9 Jan - 11:16

Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino


5. Die größte aller Gaben

Gaben ohne Liebe — nichts

heilige Josef von Copertino
Außergewöhnliches erregt naturgemäß Aufsehen. Auffällige Gaben und Taten interessieren mehr als Alltägliches. “Leuchtende Charismen” (vgl. 1 Kor, 12. bis 14. Kapitel) beeindrucken mehr als “schlichte”, die im stillen, verborgenen, im normalen Alltag wirken. Und doch sind auch so wunderbare Gaben wie prophetisches Reden, Erkenntnis aller Geheimnisse, ja eine Glaubenskraft, die Berge versetzen könnte, nichts ohne die Liebe: “Nichts — nichts — nichts”, schreibt Paulus den Christen in Korinth. Und fügt eine ganz nüchterne Beschreibung der Liebe und ihrer Umsetzung in den grauen Alltag an. Dem “Nichts” setzt er das “Alles” der Liebe entgegen: der Liebende hat alles, Geduld, Glaube, Hoffnung, Stehvermögen — “doch am größten ist die Liebe”, sie ist der Weg, “der alles übersteigt”. Strebt also nach der Liebe, ja: jagt der Liebe nach!”
Daraus ergibt sich doch auch, daß gerade außergewöhnliche, aufsehenerregende Geistesgaben sich dieser Echtheitsprüfung stellen müssen:
‑ ob sie aus der Liebe kommen,
‑ ob sie durch die Liebe geformt sind und
‑ ob sie die Liebe wirken, die “Frucht des Geistes” (siehe Gal 5, 22 f).
Damit nähern wir uns — bei allen bisher erzählten wunderbaren oder doch staunenerregenden Vorkommnissen aus dem Leben Josefs von Copertino seinem eigentlichen Geheimnis.

Hingerissen von Gottes Liebe

Die Berichte aus dem Leben dieses Mystikers (Mysterium, das heißt doch “Geheimnis”) lassen erkennen, daß seine außergewöhnliche ekstatische Begabung nichts anderes als die erkennbare “äußere” Seite einer überstarken “inneren” Ergriffenheit durch Gottes Liebe und überwältigende Größe ist. Sie ist es (und nicht eine lebhafte Phantasie oder parapsychologische Vorgänge), durch die er “hingerissen” wird und “außer sich” gerät.
Liebe — das ist für ihn nicht ein Wort oder bloßes Gefühl, sondern er erfährt sie wie einen “Strom, der alles überflutet”, wie “Flammen, die alles verzehren”. Das “innere Licht” erfüllt ihn so sehr, daß er “ganz von Sinnen” ist. Nur die eine Sehnsucht ergreift ihn: die Fülle dessen zu erfahren, der ihn liebt und von dessen Liebe sein Herz entbrannt ist.
Das ist das Geheimnis seines Lebens: die Berufung, ein staunen‑, ja furchterregendes unübersehbares Zeichen der Macht und Liebe Gottes und ihres Wirkens in der Schwachheit eines Menschen darzustellen. Es muß sichtbar machen, greifbar werden lassen, was auch ohne jede menschliche Voraussetzung geschehen kann, wenn der Geist Gottes einen Menschen ergreift und ihn ungehindert erfüllt — und wenn dieser Mensch in seiner Schwachheit sich dem überläßt. Es ist, als veranschauliche “der eine Geist” im Leben und Wirken dieses armen Menschen, der, wie er selbst von sich sagt, “zu nichts nütze” scheint, seine verschiedenen Gaben zum Nutzen und Heil vieler Menschen. Freilich wird es nur dann anschaulich, wenn der Betrachter offen genug ist, dieses innerste Geheimnis darin zu entdecken, “das Größte, die Liebe”.

Reifung zur Liebe

Heilige werden nicht heilig durch das, was sie “nach außen darstellen”, sondern durch das Wirken der Macht und der Liebe Gottes, also des Heiligen Geistes, zunächst in ihrem Herzen. “Die Diener Gottes gehen zu leichtsinnig aus sich heraus”, klagt Josef von Copertino, “das Große im Menschen liegt in seinem Inneren. Dort liegt sein Wert. “ Auch Josef Maria Desa mußte das erst “lernen”. Die zahllosen Prüfungen im Laufe seines Lebens, schmerzhafte Erfahrungen im menschlichen und im kirchlichen Bereich, Verkennung und Ungerechtigkeiten läutern ihn und lassen ihn fortschreitend den großen inneren Reichtum erkennen, der ihm angeboten ist. Es hat ihn nach eigenem Zeugnis “so viele Tränen gekostet, daß er diesen Schatz nicht um tausend Welten eingetauscht hätte”.36 Darum sind ihm Streben, Askese, Abtötung, Verzicht und Selbstverleugnung so wichtig, darum und nicht um ihrer selbst willen. Deshalb ist ihm der Gehorsam “wie ein Messer, das den Eigenwillen tötet, um ihn Gott zu weihen”.37
Die Liebe schärft ihm den Blick für seine eigenen Fehler. Er sieht sich als Wurm oder Lasttier, kommt sich vor wie ein unnützes Stück Lappen. Es genügt, so meint er, sich selbst nur aufmerksam zu betrachten, um seine Schwächen zu erkennen. “Untreue, Trägheit, Eitelkeit, Empfindlichkeit sind ihm wie Staub in einem Krug Wasser.” In seiner Liebe weiß er, wie große Gnaden er unverdient von Gott erhalten hat, und bleibt sich bewußt, daß er sich selbst oder irgendeiner eigenen Leistung nichts verdankt. Er ist wie ein Armer königlich beschenkt und bleibt doch vor Gott und den Mitmenschen der Arme, der er ist. Alle Verehrung, die ihm andere erweisen, und alle außergewöhnlichen Fähigkeiten machen ihn deshalb auch nicht stolz oder überheblich: “Wer die Liebe hat, ist reich und weiß es nicht.”38
“Die Seele gleicht einer Königin, die Sinne des Leibes ihren Dienerinnen. Tritt die Seele in das Gemach des Königs ein, dann bleiben die Sinne draußen, von keiner Regung bewegt. Die Seele selbst aber ruht völlig im Besitz des Schöpfers.”39

Erfahrungen eines Liebenden

Wir können uns diesem, wie wir es nannten, Geheimnis seines Lebens — überhaupt dem Leben eines jeden Mystikers — nur behutsam nähern. Die Zeugnisse für diesen Bereich sind bei Josef von Copertino so zahlreich, daß sie ein eigenes Buch füllen. Hier seien nur einige herausgegriffen:
Seine Liebe zu den Tieren und zur Schöpfung insgesamt, von der wir schon sprachen, ist — wie bei Franz von Assisi — Ausdruck seiner Liebe zum Schöpfer und nicht Naturschwärmerei. Die Blumen, die Vögel, das Johanneskäferchen, die Würmchen, die Natur in ihrer Vielfalt und Schönheit, in ihrer Lebenskraft und Ordnung sind dem Franziskaner Abbild und Gleichnis der Schönheit, Macht und Größe Gottes. Die Menschen sollten das, mahnt Pater Josef, doch erkennen, sich dessen freuen und Gott dafür danken, ihm, dem Schöpfer, in Liebe und Lobpreis dienen.
Die Menschen sollten sich mit dem Gebrauch und Besitz der geschaffenen Dinge und der Freude an ihnen nicht begnügen, das wäre so widersinnig, wie wenn einer “sich die Brille aufsetzte, um bloß die Brille zu sehen anstatt die Dinge in der Ferne ... Durch die äußeren Dinge gelangt Gott bis zur Tür unseres Herzens, durch die inneren jedoch tritt er zu uns ein und bleibt im Herzen.”40 In den notwendigen Dingen des täglichen Lebens erfährt er Gottes Fürsorge und seine Tag für Tag erneuerte Zärtlichkeit.
Josef warnt die Menschen vor “eitlen Sorgen” und dem Streben nach Reichtum und Wohlleben, Macht und Erfolg; er bedauert sie wegen der unausweichlichen Enttäuschungen, die sie sich dadurch einhandeln, und hat Mitleid mit ihnen wegen ihres “fortwährenden Versagens”. Wie der Kaufmann im Evangelium gibt er uneingeschränkt alles weg, er übergibt es Jesus, um den Schatz im Acker, die kostbare Perle der Liebe zu gewinnen (vgl. Mt 13, 44‑46), und ist auf der Hut, sein Talent nicht wie der nichtsnutzige Diener im Gleichnis (vgl. Mt 25, 24‑30) ungenutzt zu vergraben.
“Wer liebt, der rastet nicht. Er fürchtet, daß er zu wenig liebt. Er hütet eifersüchtig das Gegenüber seiner Liebe, und je mehr er liebt, desto mehr fürchtet er, daß er nicht liebt, und ist unruhig. Aber er wird dadurch nicht verwirrt und erträgt alles, weil er liebt.”41
Eine solche Unruhe hat ihn ergriffen, und er versteht sie als Wachstum und Reifung der Liebe, als seinen Weg der Heiligung und Einigung mit seinem Gott. Sie ruft geradezu körperliche Schmerzen in der Herzgegend hervor, der Brustkorb weitet sich, er muß den Arzt befragen.

Liebe und Leiden

Leiden sind diesem Liebenden wie Stufen zu noch größerer Liebe:
“Aus Liebe zu Gott leiden, ist eine hohe Gunst, deren der Mensch nicht würdig ist. Der Mensch dankt Gott bloß, wenn dieser ihm Gutes tut, aber das Leid ist eine höhere Gunst als die Freude. Jesus hat, um uns zu erkaufen, nicht Gold und Silber gegeben, sondern Schmerzen, Pein und Tod. Er will aber auch, daß der Mensch es ihm mit gleicher Münze zurückzahle ... Wie es Hammerschläge braucht, um das Bildnis des Fürsten einer Münze aufzuprägen, so gibt Jesus Christus seinen Aufdruck seinen Dienern durch Hammerschläge mannigfacher Prüfungen und Bedrängnisse.”42
Josef sieht den Reichtum der Gnadengaben Gottes für den Menschen nach dem Sündenfall wie in einem Berg tief verborgen. Um diese Schätze zu heben, braucht es Mühe und Anstrengung und die Bereitschaft, sich von Gottes Liebe “prägen” zu lassen, auch wenn Läuterung und Umformung schmerzhaft sind. So kann Gottes Meisterwerk in uns gelingen: die Umgestaltung in Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen.
“Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden ...” (Phil 3, 10: “...sein Tod soll mich prägen!”).
Unser Mystiker erfährt die Ereignisse des Lebens und Leidens Jesu lebendig mit, als gegenwärtiges Geschehen. Am Palmsonntag, während der Verlesung der Passion, fällt er bei den Worten “Ans Kreuz mit ihm!” wie tot um und ist selbst dem Tode nahe. Beim Bericht über die Bekehrung des heiligen Paulus hört er die Worte Jesu “Warum verfolgst du mich?” und schlägt rückwärts hin, die Arme in Kreuzform ausgebreitet. Er stellt sich selbst die Frage: Warum trauere ich so um den Tod Jesu, der doch so lange zurückliegt? und erhält die Antwort:
“Meine Bereitschaft, für dich zu sterben, besteht immer ... Wenn mich jemand ... schauen will, werde ich mich ihm so zeigen, wie er mich sehen will, als Kind, als Gegeißelter, als Gekreuzigter ... Denn meine Liebe erscheint in der Form, in der die Menschen sich meiner erinnern und mich betrachten.”43
“Einer und eine” — das wiederholt er oft: Gott und die Seele, die Begegnung zweier Liebender. In der Feier der Eucharistie findet diese Einigung ihren Höhepunkt.

Gottes‑ und Nächstenliebe

Solche Erfahrungen der Gottesliebe befreien den Menschen von sich selbst, führen ihn aus der Verfangenheit ins eigene Ich heraus und machen ihn auch zur Nächstenliebe fähig:
“Je mehr man Gott dient, desto mehr wird man sich mit der Liebe schmücken, und weil diese nicht das Eigene sucht, drängt sie immer zur Tätigkeit im Dienste des Nächsten. So haben es viele hervorragende und heilige Menschen gemacht, die wohl öfter an ihre Todesstunde dachten und doch Bücher schrieben und Fabriken gebaut haben und anderes mehr.”44
“Die Liebe zu Gott und die Nächstenliebe bilden das Fundament unseres Glaubens ...” Wo Liebe das letzte Wort behält und die Beziehungen der Menschen zueinander prägt, werden Einheit und Friede geschaffen und erhalten. Umgekehrt kann man an der Einheit in einer Gemeinschaft ablesen, “ob Gott dabei ist”.45
Durch die Liebe wird der Mensch wie von selbst fähig zum Gehorsam, zur “gegenseitigen Unterordnung”, von der in den Paulusbriefen manchmal die Rede ist (zum Beispiel in Eph 5, 21). Auch die Demut gelingt durch die Liebe wie von selbst: ein Mensch, der liebt, ist auch demütig (“zum Dienen mutig”) und weiß es nicht — er liebt ja. Josef von Copertino ist wie eine Veranschaulichung dieser Grunderfahrung echten Tugendstrebens.
Auch im anhaltenden Gebet dient er den Menschen vor Gott. Er tritt für die Kirche ein, für den Papst und die Bischöfe, für die Irr‑ und Ungläubigen, wie er ausdrücklich sagt, und es ist “falsch”, für andere nicht zu beten, wenn sie “einen anderen Glauben haben” (das sagt er in den Jahren, in denen in Mitteleuropa der Dreißigjährige Krieg zu Ende geht). Am meisten setzt er sich vor Gott für die Armen und Kranken ein:
“Man muß mit dem Nächsten Mitleid haben, schon mit Rücksicht auf das Leiden Christi. Gott läßt uns die Beschwerden des Nächsten mitfühlen, damit wir dabei Gelegenheit haben, das Leiden Christi zu betrachten. ... der aus Liebe zu Gott Unbill erlitten hat, verdient hohe Achtung und Verehrung, er ist Gott geweiht.”46
Seine Gaben stehen ganz im Dienst der Mitmenschen, für ihn selbst unverfügbar. Und je mehr er aus der Öffentlichkeit zurückgezogen wird, um so verfügbarer wird er gerade mit der Kraft des kontemplativen Lebens, des immer währenden geheimnisvollen Einsseins mit Gott in der Liebe “in die Kirche hinein”.
“Wer die Liebe hat, ist reich” — für die anderen.

Überschwengliche Freude

Bei allem erfährt er so überschwengliche Freude, daß er ganz und gar außer sich gerät, sie reißt ihn buchstäblich hoch. Immer wieder gibt er seiner Freude Ausdruck im Singen und durch schlichte Lieder und einfache Liedverse, gerät ins Jubilieren und Tanzen, auch hierin seinem Ordensvater Franziskus ein wenig ähnlich. Er schnitzt sich eine grobe Hirtenflöte, um die Melodien seiner Freude, wie sie ihm einfallen, spielen zu können. Seine Brüder singen mit, lernen sie auf diese Weise und behalten sie im Gedächtnis. Sie werden ihn bis in den Tod begleiten.
Die Texte erwachsen aus konkreter Betrachtung der Heilsgeheimnisse, sicher keine Zeugnisse der Dichtkunst oder der Theologie, sondern schlichte Äußerungen eines liebenden, begeisterten Herzen. Zwei Beispiele (in der Übersetzung von Grandi47) seien hier angeführt:

Weihnachtslied
Über Wiesen und Felder
gehe ich suchend dem Herrn entgegen
und wandre und wandre Stunde um Stund
und singe und spiele mit Herz und Mund
inmitten der frohen Hirtenschar:
Es lebe mein Jesus immerdar!

Pfingstlied
Feuer heiliger Liebe, dringe
tief in unsre Herzen ein
und zu reiner Liebe zwinge
sie mit deinem Feuerschein.
Erleichterst alle Last,
schenkst Ruh in aller Hast.
Liebe, bleibe meiner Seele Gast!
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Beitrag von Brainfire© am So 9 Jan - 11:17


6. Der Vollendung entgegen

Stiller Dienst an vielen

heilige Josef von Copertino
“Ruhm auf der Grundlage der Demut”, hatte Pater Josef gesagt: was wissen die Menschen schon von seinem eigentlichen Reichtum, von der Herrlichkeiten der — ihnen verborgenen, für sie unverständlichen — Gaben, mit denen Gottes Liebe ihn überhäuft, aber auch von der Anfälligkeit und Gefährdetheit dieser Gaben, vom geistlichen Kampf, den er zu bestehen hat!
Natürlich werden die Krankenheilungen weitererzählt, die Nachrichten von den außergewöhnlichen, auffälligen Vorkommnissen in Assisi verbreiten sich über ganz Italien und darüber hinaus. Viele verehren den Copertiner wie einen Heiligen. Als er davon hört, vergleicht er sich selbst mit Stofflumpen, die man von der Straße aufgelesen und zu Papier verarbeitet hat, um auf sie die Worte der heiligen Wandlung zu schreiben. Er beharrt auf seinem “Recht”, in der Stille bleiben zu müssen, und nimmt die Nachrichten von draußen gelassen und ergeben hin.
Doch es sind nicht nur Nachrichten, die seine Einsamkeit erreichen, auch Besucher kommen zu ihm, und ihre Zahl nimmt zu. Jahrelang ist seine Klosterzelle Ziel von Priestern und Ordensleuten, auch solchen in gehobener, verantwortlicher Stellung, von Prälaten, Bischöfen und Kardinälen, von Rittern und Grafen, Fürsten und Vertretern der verschiedensten Herrscherhäuser und Adelsgeschlechter. Erlauchte Namen aus Kirche und Politik werden aufgeführt — es ist eine lange Liste in den Büchern des Sacro Convento an der Grabeskirche des heiligen Franz zu Assisi. Aber auch Frauen und Männer ohne Rang und Namen kommen zu ihm. Für alle hat er “Worte des Lebens”: Ermutigung und Ermahnung, Warnung und Tadel, Zuspruch und prophetische Weisung, Heilung in seelischen und körperlichen Leiden. Er versöhnt Sünder, gibt Zweifelnden Frieden, berät Hilfesuchende und bestärkt Fromme in ihrem Glauben. Wollte man alles aufzählen, man käme an kein Ende.
Am 7. Juni 1646 kommt der Botschafter beim Vatikan, früher Vizekönig von Neapel, zu ihm. Pater Josef begrüßt ihn als Marienverehrer in herzlicher Umarmung, fällt dabei in eine seiner Entrückungen und bleibt vor ihm einige Zeit reglos liegen. Als sie nach längerem Gespräch in die Basilika gehen, um die Gemahlin des Botschafters zu begrüßen, reißt es den Pater empor — er wird im Fluge zur Statue der Immaculata getragen.
Zahlreich sind Besuche aus Polen. Pater Josef hatte Kasimir Wasa die Königswürde vorausgesagt. Durch sein Beispiel werden noch andere polnische Fürsten zu Besuchen in Assisi angeregt. Genannt werden die Namen Radziwil, Zamoiski und Lubomierski. Einer der Radziwils, Herzog Sigismund, stirbt bei seinem Besuch in Assisi.
Der Herzog von Braunschweig‑Lüneburg, Johann Friedrich von Sachsen, wird, obwohl evangelischen Glaubens, durch andere deutsche und österreichische Adlige angeregt, mit dem berühmt gewordenen Mönch in Assisi zu sprechen. Diese Gespräche im Jahr 1651 werden für ihn der Anstoß seiner Konversion zum katholischen Glauben.
Andere schreiben an Pater Josef, zum Beispiel die Infantin Maria von Savoyen und eine ganze Reihe von Bischöfen, auch aus dem Ausland, wie der Bischof von Krakau und der Bischof der unierten orthodoxen Kirche von Kiew. Unter den Kardinälen hat der Copertiner Vertraute, Kardinal Benedetto Odescalchi ist uns schon begegnet. Der wird im Jahre 1676 unter dem Namen Innozenz XI. Papst, und zwar der bedeutendste seines Jahrhunderts.48 Er stirbt 1689. Reformstrenge, Standhaftigkeit gegenüber dem Absolutismus König Ludwigs XIV. von Frankreich und “makellose Ehrenhaftigkeit” zeichnen ihn aus — wirkt in ihm der Geist des schlichten Franziskaners weiter, den er als Kardinal seinerzeit in Assisi besucht hatte? Jedenfalls ist es gut, auf diesen großen Papst hinzuweisen, ehe nun von einem seiner Vorgänger, Innozenz X. (1644‑1655), die Rede sein muß.

Erneute Verbannung

Am Morgen des 23. Juli 1653 findet der stille Dienst des Franziskaner‑Minoriten in Assisi ein jähes Ende. Pater Josef wird nach der heiligen Messe ins Sprechzimmer gerufen. Man kann sich seinen Schrecken vorstellen: Statt eines Ratsuchenden wie sonst erwartet ihn der General‑Inquisitor von Umbrien mit Sekretär und vier Polizeisoldaten und eröffnet ihm den Gerichtsbeschluß des Heiligen Offiziums, ihn von seinem Orden zu trennen und in einem abgelegenen Kapuzinerklösterchen zu internieren — “ad tempus”, wie es heißt, “für einige Zeit”. Wie vom Donner gerührt, steht der Gemaßregelte da, geistesabwesend, außerstande, auch nur ein Wort zu sagen. Als ihn sein Oberer an das Gelübde des Gehorsams erinnert, wirft er sich vor dem Inquisitor zu Boden und läßt sich wie ein Sträfling ohne Widerspruch abführen. Grandi übersetzt aus dem Werk Pariscianis:
“Er trug nichts am Leibe als seinen Ordenshabit. An den Füßen hatte er bloß die Sandalen, die er nur im Hause zu tragen pflegte. Hut, Brille, Schuhe und Brevier lagen in seiner Zelle, und er hatte sie zum letzten Mal gesehen. Mit einer stummen Geste bat er den Kustos, der ihn ebenfalls stumm ansah, um seinen Segen. Noch ein letzter Blick auf die untere Basilika, wo der Leib des heiligen Franziskus ruht, der ihn durch vierzehn Jahre und drei Monate getröstet und gestärkt hatte, und der Wagen setzte sich in Bewegung, einem unbekannten Ziel entgegen. Man fuhr in nördliche Richtung ...
Nach einer eintägigen Rast im Dominikanerkloster von Città di Castello näherte sich das Gefährt der Bergkette des Apennin. Dort traten Maultiere und eine Sänfte an die Stelle des Wagens. In der Nacht vom 25. zum 26. Juli schliefen sie in Belforte am Flusse Isauro, im Palast des Statthalters Bernardino Bernardi. Dort lag ein kleines Mädchen an Fieber schwer krank darnieder. Durch das Gebet und die Anweisungen Pater Josefs wurde es geheilt. Die Nachricht davon brachte das Dorf in Aufruhr.”49
Einen anderen Kranken segnet der wie ein Verbrecher abgeführte Ordensmann, ohne ein Wort zu sagen, und der Kranke erhebt sich gesund. Seine Bewacher wundern sich über seine unerschütterliche Geduld und Güte. Endlich gelangt man ans Ziel der Reise, zur Einsiedelei San Lorenzo bei Pietrarubbia, am Berg Carpegna westlich von Urbino. Man übergibt den Gefangenen dem Guardian des Klosters, Pater Giambattista da Montegrimano, mit strengen Weisungen:
Verbot, die Zelle zu verlassen, außer zur heiligen Messe.
Verbot aller Außenkontakte, auch aller schriftlichen, auch — eigens erwähnt! — mit Kardinälen.
Verbot, Briefe zu schreiben und zu empfangen, und dies alles unter Androhung der Strafe der Exkommunikation.
Der Inquisitor verlangt noch, den Provinzoberen der Kapuziner zu sprechen, doch vergeblich; er zieht mit der Wachmannschaft wieder ab. Und da war nun der weithin berühmte Wundertäter, der Ratgeber und Helfer so vieler Menschen.

Unterscheidung der Geister

Hatte sich Pater Josef auch nur des geringsten Vergehens schuldig gemacht? Hatte das Inquisitionsgericht zu Neapel fünfzehn Jahre vorher nicht alle Vorwürfe und Anklagen streng genug geprüft und als unbegründet abgewiesen? Wie konnte das “Heilige Offizium” das Ordensleben eines offensichtlich lauteren Priesters zu einem Gefängnisaufenthalt machen und ihn zu diesem Zweck auch noch von der vertrauten Gemeinschaft seines Ordens trennen? Und das ohne Anhörung des Angeklagten, ohne Angabe der Gründe! Ist das nicht grausame seelische Quälerei? Muß sich darüber nicht jeder rechtlich Denkende empören?
Und Josef von Copertino selbst?
Der Erklärungsversuch, Josef habe sich in Assisi nicht an die Auflagen des ersten Inquisitions‑Prozesses gehalten, muß kläglich scheitern, auch der ablenkende fromme Hinweis, der Mystiker habe doch selbst vom Lärm der Welt “abgeschieden und getrennt” leben wollen, um in seiner Gebetsruhe nicht gestört zu werden. Richtig daran ist nur, daß er in der Schule Gottes, seines, wie er ihn nannte, “Novizenmeisters”, reifte: Diesmal fügt er sich ohne äußere Klage und offenbar auch ohne inneres Hadern. Er sieht in dieser Entwicklung eine Gelegenheit, noch innerlicher zu werden, sich in Geduld und Demut zu bewähren und “zu Gott aufzusteigen”. Aber das alles kann das schreiende Unrecht, das hier einem “der großen Wehrlosen der Geschichte”50 geschieht, nicht erklären, geschweige denn rechtfertigen.
Dazu sei hier ausdrücklich wiederholt, was Walter Nigg bei seinen kritischen Fragen anmerkt: Pater Josef hat sich nicht empört oder über diese Ungerechtigkeit beklagt — “so dürfen wir es auch nicht tun, oder wir werden seinem Geiste untreu”51.
Die amtliche Begründung nach außen und der Zusatz, der Gespräche und Briefwechsel mit Kardinälen ausdrücklich verbietet, sind entlarvend genug: hier sind massive Ängste und machtpolitische Intrigen im Vatikan selbst im Spiel, in einem eigenartigen gegenseitigen Zusammenspiel.
Es beginnt damit, daß der Zustrom von Menschen nach Assisi immer mehr anschwillt, darunter von in Kirche und Gesellschaft maßgeblichen Leuten. Vor allem die vertrauten Beziehungen von Kardinälen zu dem einsamen Mönch in Assisi erregen “bei Hofe” Aufsehen und Besorgnis — wird da nicht über den nächsten Papst verhandelt? Hat der Copertiner nicht dem Bischof von Camerino, Emilio Altieri, vorausgesagt, er werde Papst (später wurde er es tatsächlich: Klemens X., von 1670 bis 1676)? Aufregung verursachte vollends eine mißverständliche (oder mißverstandene und entstellte?) Äußerung Pater Josefs über den Nachfolger des regierenden Papstes Innozenz X; man deutete sie als Prophezeiung seines baldigen Todes (der Pamfili‑Papst starb 1655). Der Papst galt als strenger Jurist und unberechenbar und wußte das — hatten sich Bischöfe und Kardinäle beim Copertiner über ihn beklagt?
Dazu kommt noch ein in ganz Italien bekannter Skandal: Dieser Papst stand so sehr unter dem Einfluß seiner Schwägerin Olimpia Maidachini, daß sie in Rom offen als die “Papessa” verhöhnt werden konnte. Mit ihrer maßlosen Herrschsucht erfüllte sie den Vatikan mit Intrigen, Gezänk und Machtkämpfen — “eine der abschreckendsten Frauen des damaligen Roms”.52 Kein Zweifel, daß Josef von Copertino, der seine Mahnungen und Weisungen ohne Ansehen der Person äußerte, zu diesem offenen Skandal der Kirche seine Meinung deutlich gesagt haben wird und daß das am päpstlichen Hof hinterbracht wurde.
Dazu kamen schließlich auch Rangeleien und Eifersüchteleien um seine Person selbst und bevorzugte Besuche bei ihm. Das führte sogar zu diplomatischen Belastungen, Assisi liegt auf dem Gebiet des Vatikanstaates. Die Herzogin von Mantua zum Beispiel war bei Josef von Copertino, also mußte die von Parma ebenfalls zu ihm dürfen, um sich “dieses Wunder des Jahrhunderts” anzusehen. Als die Nachricht eintrifft, daß auch noch die Kaiserin Elenore sich mit dem guten Pater aussprechen wollte, fällt die Entscheidung des Heiligen Offiziums.
Beim Versuch, die Verantwortlichen zu verstehen, sehen wir uns an solche und ähnliche leidvolle Erfahrungen der Kirche verwiesen: Wie vorsichtig muß sie bei außergewöhnlichen Phänomenen vorgehen, wie schwierig erweist sich immer wieder Unterscheidung und Scheidung der Geister. “Es gibt keinen Heiligen, der mehr als er [Josef von Copertino] die Menschen in dem, was ihnen gewohnt ist, in Verwirrung bringt.”53 Die Gefahr alles Außergewöhnlichen, die Sensationsgier der Schaulustigen ist gerade im Leben dieses Mystikers greifbar. Dazu kommen die Furchtgefühle, die alles unmittelbare Aufscheinen des Numinosen hervorruft, das Erschreckende und für den Menschen Beunruhigende, ja Unheimliche in den Phänomenen, die das greifbar wirkliche Handeln Gottes auslösen kann. Walter Nigg spricht in diesem Zusammenhang von der “Angst vor dem realen Heiligen”.54
Jedenfalls: Josef wird aus Angst vor Schaden — welchem auch immer — aus der Öffentlichkeit verbannt und “versteckt”. Damit jedoch wird das Licht, das hätte leuchten sollen und können, “unter den Scheffel gestellt” (Mt 5, 15), die Gabe, die der Kirche seiner Zeit in diesem ganz “von Gott ergriffenen Menschen” angeboten ist, nicht angenommen. So deckt Josef von Copertino ungewollt nicht nur den Zustand vieler Menschen auf und bringt sie zum Nachdenken, wenn nicht heil-samen Erschrecken, er entlarvt auch vor aller Welt beschämende, skandalöse Zustände in Kirche und Gesellschaft seiner Zeit.
Und er selbst?
Was auch immer um ihn herum geschehen mag — innerlich bleibt er unangreifbar.
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Beitrag von Brainfire© am So 9 Jan - 11:18


7. Am Ziel

Pietrarubbia

heilige Josef von Copertino
Pater Josef hatte das alles kommen sehen. Rechtzeitig hatte er seine Oberen gewarnt und um Hilfe gebeten. Doch sie konnten gegen den Zustrom der Menschen zu ihm nichts ausrichten. Im Traum hatte er einen Berg und eine Einsiedelei gesehen und sich selbst in ihren Mauern: zehn Jahre werde er ein schweres Kreuz tragen müssen. Jetzt erkennt er diesen Ort wieder. Obwohl die Kapuziner nicht informiert und völlig überrascht waren, wird er nach anfänglicher Verwunderung mit herzlicher Brüderlichkeit aufgenommen. Sie beten und singen mit ihm, nehmen an seinen geistlichen Erfahrungen Anteil und sind ehrfürchtige Zeugen seiner Entrückungen. Josef erweist sich ihnen dankbar und kann seine Zurückhaltung aufgeben, erzählt aus seiner Jugend, auch, daß er einmal bei Kapuzinern war (daß diese ihn wieder weggeschickt haben, verschweigt er dabei). Er will die Brüder nur erfreuen und aufbauen. Nie kommt er auf die Gründe seiner Verbannung zu sprechen, nie stellt er die Frage nach dem unerklärlichen Verhalten der päpstlichen Behörden.
Allerdings bringt er ungewollt auch hier die Ordnung der kleinen Gemeinschaft etwas durcheinander. Die lange Dauer seiner Meßfeier läßt zum Beispiel den Kerzenvorrat zusehends gefährlich schmelzen. Der kleine Versorgungsengpaß in dieser abgelegenen Gegend wird auf wunderbare Weise überwunden.
An alles hatten die gestrengen Juristen bei ihren scharfen Verboten gedacht, nur hatten sie nicht damit gerechnet, daß das Leben sich nicht durch Vorschriften und Verbote ersticken läßt, schon gar nicht das Wirken des Geistes. Trotz der Abgelegenheit der Einsiedelei setzt sofort wieder ein Strom von Pilgern ein. Aus der ganzen Gegend kommen sie, aus Montefeltro, Urbino, Urbania und Fossombrone, sogar aus Cesena. Es hatte sich schnell herumgesprochen, wo Josef von Copertino sich aufhält. Ganze Reisegesellschaften werden organisiert. Das einsame Klösterchen sieht sich auf einmal als Ziel und Mittelpunkt lebhaften Treibens, Zelte werden aufgeschlagen, Hütten errichtet, Löcher in die Mauern gebrochen, um den verehrten Mönch sehen zu können.
Eine Heilung am 10. August 1654 — Umstände und Namen sind ausdrücklich bezeugt — läßt den Menschenstrom geradezu ausufern. Die kleine Insel der Stille und Einsamkeit wird von einem nicht mehr zu bändigenden Wogenschwall umbrandet. Der Klosterobere muß befürchten, daß diese Entwicklung den Anordnungen des Inquisitionsgerichts zuwiderläuft, hat aber weder Weisung noch Vollmacht, das Volk von der Meßfeier des sonst streng isolierten Häftlings auszuschließen. Hilfesuchend wendet er sich an seinen Vorgesetzten.
Der nun entscheidet rasch: Der Bevölkerung wird der Zutritt zur Kirche in der Zeit der Meßfeier Pater Josefs untersagt, ein Beauftragter hat für Abschirmung seiner Person und Wiederherstellung der klösterlichen Stille zu sorgen; die entstandenen Schäden mußten ausgebessert werden. Doch in Rom wird eine noch wirksamere Maßnahme beschlossen: erneute Verschleppung in aller Heimlichkeit in ein noch ärmeres Kapuzinerkloster, in abgelegenster Bergeinsamkeit südöstlich von Urbino.

Fossombrone

Der Generalvikar von Urbino wird beauftragt, den Häftling unbemerkt durch die Öffentlichkeit zu überstellen. Mit Kutsche und Dienerschaft fährt er in Pietrarubbia vor, als handele es sich um einen ganz gewöhnlichen Besuch im Kloster San Lorenzo, und weist dem Oberen seine Bevollmächtigung vor mit der Verordnung, niemand dürfe erfahren, daß Pater Josef weggebracht werde und wohin. Seine Frage “Wohin bringt ihr mich?” bleibt ohne Antwort. Pater Josef fragt weiter: “Wird Gott dort sein? Dann auf, laßt uns heiteren Sinnes ziehen! Der Gekreuzigte wird uns beistehen.”
Während die Reisegesellschaft im Refektorium bewirtet wird, führt ihn Pater Pietro Avernali, der ihn zu beaufsichtigen hatte, an der Hand auf Schleichwegen aus dem Haus. Unterwegs nimmt ihn die Kutsche, von niemandem bemerkt, auf. Weiter geht es, auf Seitenwegen, man meidet alle belebten Straßen, übernachtet in einem Gehöft des Erzbischofs von Urbino und setzt am nächsten Morgen die beschwerliche Fahrt durch unwegsames Gelände fort, ins Tal des Flusses Metauro hinab. Die Bischofsstadt Urbino wird umgangen. Bei starkem Regen passieren sie ungehindert die Post‑ und Zollstelle. Es geht über die alte römische Brücke, die steile Berglehne hinauf bis zum “altehrwürdigen, düster ernsten und stillen Kloster von Fossombrone”. Der überraschte Guardian, Pater Teodoro da Cingoli, muß mit dem Häftling auch die strengen Auflagen des Inquisitionsgerichts entgegennehmen, die noch durch zwei Verbote verschärft sind: Niemand — außer den Klosterbrüdern – darf Josef von Copertino auch nur sehen, und niemand — außer den Kapuzinern — darf von seinem Aufenthalt erfahren.
Bischof Zeccardo, mit der Überwachung des Gefangenen beauftragt und von der päpstlichen Behörde für die Einhaltung der Verbote verantwortlich gemacht, erscheint eines Tages zur Visitation. Danach wird es endgültig still um unseren Minoriten. Auch ein zehntägiger Aufenthalt (natürlich unter gleichen Bedingungen) im Kloster Montevecchio — damit in Fossombrone das Provinzkapitel der Kapuziner ungestört verlaufen konnte — unterbricht die absolute Isolation des Klosterhäftlings nicht.
Seine Gastgeber behandeln ihn freundlich und mit Hochachtung, sind erbaut durch seine gleichmäßige heitere Gelassenheit und Dankbarkeit, erfahren im täglichen Gemeinschaftsleben seine Dienstbereitschaft und Genügsamkeit, seinen Eifer im geistlichen Leben — und seine mystischen Zustände. Sie bemerken, daß nie eine Klage oder auch nur die Frage “Warum das alles?” über seine Lippen kommt, ja daß sie ihn überhaupt nicht interessiert. Er beklagt sich nicht bei den Menschen, aber auch nicht (mehr) bei Gott.
Die Brüder schätzen seinen geistlichen Rat und merken sich auch einzelne Aussprüche von ihm:
“Das wahre und vollkommene Gebet besteht darin, den Willen Gottes zu tun.” — “Keine Versuchungen haben, ist eine große Versuchung.” — “Wer Geduld hat allezeit, der bringt es weit.”
Den letzten Sinnspruch singt er einem von Schmerzen geplagten alten Bruder vor, und der wird dabei wunderbar getröstet: “Oh ja, Fra Antonio, das ist ein schönes Lied.”
Pater Josef versucht bei der Feier der Eucharistie auf die Tagesordnung der Klostergemeinschaft Rücksicht zu nehmen und sich an die Zeit zu halten. Im übrigen brechen die Ekstasen und geheimnisvollen Flüge in einer Fülle wie vorher in Assisi auf. Als es dadurch in der Klosterkirche einmal zu einer schwierigen Situation kommt — Kirchbesucher stehen vor der verschlossenen Tür —, bittet Pater Josef seinen Bewacher, ihn, wenn nötig, auch während seines Entrücktseins zum Gehorsam zu rufen. Der Lärm, das Schreien der Menge — offenbar hat sich sein Aufenthalt trotz aller Geheimhaltung und der strengen Vorsichtsmaßregeln doch wieder herumgesprochen —, erreicht ihn nicht, aber der Gehorsam ruft ihn wieder zurück auf den Boden der irdischen Tatsachen.
Am 7. Januar 1655 vertraut er einem Bruder an, daß er während der heiligen Messe den Papst auf dem Sterbebett und die Umstehenden gesehen und für ihn das Memento für die Verstorbenen gehalten habe. Tags darauf gelangt durch Eilboten über die Via Flaminia die Todesnachricht nach Fossombrone.
Mit dem Tod Innozenz' X., des gestrengen Konsistorial‑Advokaten seines ersten Inquisitions‑Prozesses und Verantwortlichen für seine erneute Inhaftierung, keimen bei den Freunden Josefs neue Hoffnungen auf. Schon vorher hatte man immer wieder versucht, Erleichterungen seiner Haft oder eine Überprüfung des Dekrets zu erreichen, das ihn aus seinem Orden ausgeschlossen hatte. Der Generalminister der Minoriten und Kardinäle hatten sich für ihn verwendet. Sogar die Infantin von Savoyen hatte sich — in richtiger Einschätzung der Machtverhältnisse am päpstlichen Hof — an die Schwägerin des Papstes gewandt und schließlich an die Regierungen in Paris und Wien, was aber der Sache eher schadete. Innozenz X. aber hatte auf strenge Einhaltung des Verbannungsdekretes bestanden und jede Abweichung oder großzügige Ausdeutung der Verbote strikt abgelehnt. Der fromme Ordensmann sei vor aller Belastung durch Besuche und jeder unangebrachten Verehrung zu schützen. Freunde des Copertiners waren nach Rom zitiert, der Guardian des Klosters von Urbino zeitweilig seines Amtes enthoben worden.
Auch der nächste Papst, Alexander VII., wird nun mit Bitten bestürmt. Die frühere Königin Christine von Schweden, erst kurz zuvor katholisch geworden, bittet um ein Gespräch mit Pater Josef — ohne Erfolg. Das Generalkapitel der Minoriten, das im Mai 1656 in Rom versammelt war, reicht ein Bittgesuch von acht Provinzialministern beim Papst ein, endlich mit dem Erfolg, daß der Minorit wieder seinem Orden zurückgegeben wird. Freilich — die strengen Isolierungsvorschriften werden nicht gelockert. Auch der Vorschlag des Ordens, ihn wieder nach Assisi zurückbringen zu dürfen, wird mit der Begründung abgelehnt: “Ein heiliger Franziskus genügt schon, um das Volk anzulocken.”
Man bestimmt Osimo in der Mark Ankona zum Verbannungsort, ein einsames Kloster, zur Überwachung geeignet. Dafür wird der zuständige Bischof Antonio Bichi, ein Neffe des Papstes, verantwortlich gemacht. Wegen einer Beulenpest, die zu dieser Zeit Italien heimsuchte — in Rom allein starben Tausende daran — muß die Ausführung des Plans verschoben werden, die Straßen sind überall gesperrt, die Städte bewacht.
Endlich, Anfang Juli 1657, überstellt man Josef von Copertino in einer überraschenden Nacht‑ und Nebelaktion nach Osimo. Das Gesundheitszeugnis, das wegen der Folgen der Epidemie noch erforderlich war, wird ohne Namensnennung ausgestellt. Der Generalminister des Ordens und der beauftragte Bischof bleiben im Hintergrund. Der Generalvikar Crivelli hat das Unternehmen auszuführen, der Sekretär des Ordensoberen begleitet es mit einigen Mitbrüdern. In Fossombrone ist Pater Josef der einzige, der die Ankunft der Reisegesellschaft voraussieht, für die Kapuziner kommt die Abholung ihres Gastes völlig überraschend.

Osimo

Nach herzlichem Abschied “unter Tränen und Umarmungen” wird Pater Josef noch in der Nacht zum alten Kloster Santa Vittoria delle Fratte gebracht, wo Bischof Zeccardo schon auf ihn wartet, um ihn sehen und sprechen zu können. Am 8. Juli setzt man die Reise fort. Unterwegs, in Jesi, wird Pater Josef erkannt. Man muß eine unfreiwillige Pause in einem Gasthaus einlegen. Vor Osimo am Morgen des 9. Juli angelangt, wagt man nicht, am hellen Tag in die Stadt einzuziehen. Man bittet den Bischof durch Boten um eine Kutsche, bleibt dann aber bis zum Anbruch der Nacht in der Gegend von Padiglione. Dort werden die Begleiter Josefs Zeugen mehrerer Ekstasen und eines entrückten Fluges ihres streng bewachten Häftlings. Die übrige Zeit bringt er singend und betend zu.
Nachts endlich erreichen sie ihr Ziel. Am Stadttor weist sich der Generalsekretär des Minoritenordens aus, er sei auf Visitationsreise, die Reisegruppe kann unkontrolliert passieren, der berühmte Minorit gelangt unerkannt ins Kloster. Dort “versteckt” man ihn und schafft durch Umbauten eine vollständige Abschirmung: eine eigene Privatkapelle für die Stille Feier der Eucharistie und ein winziges Gärtlein für ihn, das er aber selten aufsucht. Eine kleine, völlig abgeschirmte Welt. Sechs Jahre wird er hier eingeschlossen bleiben, bis Bruder Tod ihn befreit. Isoliert von den Menschen, erfährt er, wie die “vollkommene Freude” in ihm aufbricht: er ist allein mit Gott.
Trotz aller Geheimhaltung sickern in der Öffentlichkeit Gerüchte durch, auch genährt durch die Maurerarbeiten im Kloster, verebben aber bald wieder. Das normale Leben der Klostergemeinschaft geht weiter; auch wenn der Bischof einmal aus irgendeinem Grund einen Besuch macht, ist das ganz selbstverständlich und unauffällig. Pater Josef hatte ihn — er ist ja glühender Marienverehrer — gebeten, bei der Kurie die Erlaubnis zu einer Pilgerfahrt nach dem nahegelegenen Marienwallfahrtsort Loreto zu erwirken. Doch sie muß verweigert werden, weil man keine Möglichkeit sieht, das vor der Bevölkerung geheimzuhalten. So erfährt niemand etwas vom Aufenthalt des Copertiners.
Und er selbst?
“Ich wohne hier innerhalb einer Stadt, aber es dünkt mich, als wohnte ich in einem Walde oder vielmehr im Paradies.”55 In gesundem Empfinden weiß er also sehr wohl das Eingeschlossensein, die Ungerechtigkeit seiner Klosterhaft und die Härte seiner Isolierung richtig einzuschätzen. Das muß seiner Natur widerstehen und ist ein Widerspruch gegen seine Sendung zu den Menschen. Aber er bleibt voller Freude und Liebe, ohne Klage oder innere Auflehnung. Er ist mit Gott, sich selbst und den Mitmenschen versöhnt: mit Gott, bei dem er sich einmal bitter beklagt hat, mit sich selbst und seinem Leben — und mit den Menschen, auch denen, die ihm Unrecht tun, auch mit der Institution Kirche.
Er betet und singt und weiß sich in seiner Gottverbundenheit wie im Paradies. Die Gemeinschaft seiner Brüder und der geistliche Austausch mit ihnen genügen. Gern steht er auch in diesem kleinsten, abgeschiedenen Kreis für Rat und Lehre, Trost und geistliche Hilfe zur Verfügung. Behutsam weist er die Brüder, wenn ein Anlaß vorliegt, zurecht und ist um Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens besorgt. Durch ihn festigt sich die religiöse Ordnung und geistliche Kraft des Konvents, sie beginnt auch “nach außen” auszustrahlen, daß manche Außenstehende sich unwillkürlich fragen, ob nicht doch Josef von Copertino in dieser Bruderschaft lebt und wirkt — anders sei ein solcher Wandel nicht zu erklären.
Von draußen werden die Franziskaner um ihre Gebetshilfe angegangen, wohl auch in der Vermutung, sich dadurch der Fürbitte des Copertiners zu vergewissern. Der kannte, obwohl er nie hinausdurfte, in Osimo jede Gasse, jedes Haus, sah die Menschen konkret in ihren Nöten. Die Gebetserhörungen werden zeitweilig so auffällig, daß sie die Geheimhaltung gefährden und die päpstliche Kurie mit erneuter Verbannung — doch wohin eigentlich? — drohte. Pater Josef bleibt gelassen und sich gewiß: “Haec requies mea!” — hier in Osimo, in dieser Situation, hat er nun das Ziel seines Lebens gefunden, seine “Ruhe”.
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Beitrag von Brainfire© am So 9 Jan - 11:20


8. Vollendet

heilige Josef von Copertino
Sechs stille Jahre und doch voller bewegender Ereignisse — ein unaufhaltsamer Aufstieg zu Gott. Die gelegentlichen Gespräche mit dem Bischof, dem Josef die Kardinalsernennung vorhersagt, und die spärliche Korrespondenz mit der päpstlichen Behörde können die Stille nicht stören. Kardinal Bichi hebt in seinen Berichten lobend hervor, wie ergeben und zurückhaltend sich der Klosterhäftling verhält.
Pater Silvestro, sein Vertrauter, war für drei Jahre woanders hin versetzt worden. Als er nach Osimo zurückkehrt, empfängt ihn Josef. “Du kommst gerade zurecht, um dein Versprechen zu halten”, nämlich die Erfüllung des Paktes, sich im Sterbefall gegenseitig priesterlich zu begleiten. Er spricht von einer weiten Reise; die Mitbrüder verstehen nicht, was er damit meint, die Wallfahrt nach Loreto war doch verboten worden. Andere meinen, der Copertiner hoffe auf Rückkehr nach Grottella. Tatsächlich aber mehren sich die Anzeichen zunehmender Schwäche und Erkrankung.
Im August 1663 erkrankt er an Wechselfieber. Mit letzter Kraft feiert er noch einmal am 15. August, dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, die heilige Messe. Geduldig unterzieht er sich den Bemühungen der Ärzte: Untersuchungen, Diät, Aderlaß und Beinoperation unter Anwendung glühender Eisen. Von der schmerzhaften Prozedur spürt er in seiner Entrücktheit wenig. Sie war schon überstanden, da ermutigte er den Arzt noch dazu. In allen Beschwerden und Leiden tröstet er andere und schickt einen Prälaten, der ihn in Begleitung des Kardinals besucht, wieder nach Hause zu seiner inzwischen erkrankten Köchin. Bis zuletzt bleibt er fürbittend und helfend den Mitmenschen zugewandt und verharrt zugleich in ständigem Gebet, mit Gott verbunden. Er hat noch die Freude, daß der Papst, es ist Alexander VII., ihm seinen Segen für die Sterbestunde übermitteln läßt.
Am 6. September bringt ihn ein schwerer Rückfall an den Rand des Todes. Zwei Tage später, am Fest Mariä Geburt, verlangt er die heilige Kommunion als Wegzehrung, bittet alle um Verzeihung auch für jede ungewollte Kränkung, bekennt als seine Schuld, nicht einmal sein tägliches Brot verdient zu haben. Er bittet um die Krankensalbung und beginnt danach zu jubeln:
“O welches Licht, welcher Glanz! O was für schöne Worte! Was für Stimmen! Welcher Wohlgeruch! Welche Süßigkeit! O welcher Vorgeschmack des Himmels! O welches Himmelsglück!”56
Sein Sterben vergleicht er mit dem Aufstieg eines Eselchens auf einen Berg. Immer wieder reißt es ihn auf seinem Lager hoch. Er erneuert seine Bereitschaft, nach Gottes Willen zu sterben: “Ich habe Leben und Tod dem Willen Gottes überlassen.” Nach altem Ordensbrauch bekräftigt er noch einmal die Ordensgelübde und will dem Oberen auch noch die letzten persönlichen Habseligkeiten zurückgeben: “...aber ich habe nichts, gar nichts.”
Bewußt erlebt er die letzte “Losschälung” von allem Irdischen und seufzt einmal vernehmlich: “Dieser Übergang ist ungeheuer.”57 Die letzten Tage verbringt er wie in Ekstase. Pater Silvestro bleibt unablässig bei ihm. Sie beten und singen miteinander, begleitet durch eine kleine Hausorgel, die man bei ihm aufgestellt hat. Zeitweilig kommt es wie eine Ungeduld über ihn, er preßt die Hände aufs Herz oder wühlt geradezu an der Brust: “Nimm dieses Herz! Verbrenne es! Zerspalte es! Öffnet die Brust! O Liebe, Liebe!”58 Das Singen und Beten wird mühsamer, der Mund ist ausgetrocknet, die Zunge angeschwollen. Man betet die Lauretanische Litanei und die Sterbegebete, auf die er noch leise antwortet: “Amen. Amen.” Mit diesen Worten verhaucht er am 18. September 1663, eine Stunde vor Mitternacht, sein Leben.
Ein Lächeln verklärt sein Gesicht, es leuchtet wie von der Sonne beschienen auf, friedlich und entspannt ruht sein Leib, wie im Schlaf, ohne die Spur eines Todeskampfes oder Leidens. Bei der Sektion stellt man ein völlig blutleeres Herz fest, es ist wie ausgetrocknet. “Er starb, verzehrt von innerem Feuer.”
In den Morgenstunden des nächsten Tages drängt sich eine Volksmenge ins Kloster, um den Verstorbenen zu sehen. Man muß ihn vor dem Andrang schützen, Chorschranken, Ritter und Mitbrüder halten die Totenwache. Heilungen von Krankheiten und Gebetserhörungen werden bezeugt.
Am 20. September wird der Leichnam in der linken Seitenkapelle, die der Immaculata geweiht ist, bestattet. Von da an reißt der Pilgerstrom der Verehrer nicht mehr ab, begleitet von wunderbaren Ereignissen. Er hatte eine möglichst unauffällige Bestattung gewünscht, niemand sollte sein Grab finden können:
“Die letzte Willenskundgebung Josefs unterscheidet sich noch einmal vollständig vom Verhalten jener Menschen, die alles tun, damit nach ihrem Tod weiter von ihnen geredet werde, und dabei doch bald der Vergessenheit anheimfallen.”59
Noch im Oktober des gleichen Jahres gibt der Generalobere des Minoritenordens an Pater Roberto Nuti den Auftrag, Material für eine Lebensbeschreibung zu sammeln. Diese Biographie sollte “der glücklichen Seele Pater Josefs” entsprechend “einfach und klar und bescheiden” ohne Phrasen und Eleganz des Ausdrucks abgefaßt werden. “Ich will nicht, daß der Diener Gottes gerühmt werde.”60
1665 leitet man in den Diözesen Osimo, Assisi und Nardö den kirchlichen Untersuchungsprozeß ein. Augen‑ und Ohrenzeugen werden vorgeladen, diesmal nicht mehr, um ihn anzuklagen und zu verurteilen, sondern um Beispiele und Beweise seines heiligen Lebens und seiner heroischen Tugenden zu sammeln. Doktoren der Theologie, Bischöfe und Kardinäle beschreiben bis ins einzelne sein Leben und Verhalten.
1688 kann der Apostolische Prozeß in Rom aufgenommen werden, das schriftliche Material wird überprüft, die Verehrungswürdigkeit des Copertiners offiziell bestätigt.
Neunzig Jahre nach seinem Tod schließt Papst Benedikt XIV. den Seligsprechungsprozeß ab. Jetzt darf Josef von Copertino, von der Kirche nach sorgfältiger Prüfung ausdrücklich anerkannt, als “Seliger” angerufen werden. Das gibt seiner Verehrung mächtigen Auftrieb. Im gleichen Jahr 1753 veröffentlicht Pater Angelo Pastrovicchi im päpstlichen Auftrag, fußend auf den umfangreichen Akten des Seligsprechungsprozesses, eine Lebensbeschreibung des Mystikers, die auch Einzelheiten seines Leidens und Reifens bekannt macht. Erneut werden zahlreiche Wunder, Krankenheilungen und Gebetserhörungen, die man seiner Fürsprache zuschreibt, berichtet und nach strengen medizinischen und theologischen Maßstäben überprüft. Was der Prüfung standhält, reicht bei weitem — nach einhelligem Urteil aller befragten Kardinäle und Konsultatoren — als Grundlage für den Heiligsprechungsprozeß, der 1767 abgeschlossen wird.
Damit rehabilitiert die Kirche Josef von Copertino noch einmal ausdrücklich vor aller Welt und erkennt an, daß seinem Gehorsam, seiner Liebe und Selbstverleugnung, seiner demütigen Unterwerfung unter ihre Autorität heroischer Grad zugebilligt werden muß. Alles andere als leichtfertig oder unkritisch, bestätigt sie die Echtheit und Übernatürlichkeit der erst umstrittenen Erscheinungen und Ereignisse seines Lebens, derentwillen sie den Mystiker zu seinen Lebzeiten vor der Öffentlichkeit “versteckt” hatte.
Am 16. Juli 1767 wird Josef von Copertino feierlich in den Kanon der Heiligen aufgenommen. Die Kirche begeht sein Fest am 18. September. Seine Gebeine ruhen heute in der Unterkirche der ihm geweihten Basilika zu Osimo.
Ein Pfarrer Ignaz Grandi übersetzte 1968 für die deutschen Pilger einen Auszug aus der umfangreichen Lebensbeschreibung des Heiligen von Gustavo Parisciani und zitiert zum Schluß noch die Würdigung unseres Mystikers durch Walter Nigg; er beendet seinen Bericht mit dem Nachwort61:
“Das also war dein Leben, lieber Bruder Josef von Copertino. Nun bist du wirklich nach dem Tode glücklich zu preisen', nachdem du so vieles durchgemacht, soviel Unglaube, Widerspruch und Mißverständnis gefunden hast. Wird man dir jetzt, dreihundert Jahre nach deinem Tode, mehr Glauben schenken, da du doch bei Lebzeiten so wenig Glauben gefunden hast? Kann sein; ich weiß es nicht. Du aber lebst und bist hoch über alle menschlichen Meinungen erhaben.”

Kurzgefaßter Lebenslauf in Daten

1603 17. Juni: Giuseppe Maria Desa, getauft zu Copertino in Apulien (Italien).
1611‑1617 Behinderte Kindheit.
1617 Kurze, erfolglose Lehrzeit.
1620‑1628 Laienbruder bei den Kapuzinern, dann aufgenommen von den Minoriten in Grottella bei Copertino.
Mühseliges Studium.
1628 18. März: Priesterweihe, Dienst in Grottella.
1630 4. Oktober: erste bezeugte ekstatische Levitation — wachsendes Aufsehen.
1636 Anklage beim kirchlichen Gericht.
Untersuchung durch die Inquisition in Neapel und Rom.
Versetzung nach Assisi.
1639‑1653 Assisi: völlige Abgeschiedenheit, Erfahrung der Geistesgaben.
Wachsende Ausstrahlung, großer Andrang.
1644 29. Juli: prophetische Kenntnis vom Tod des Papstes Urban VIII.
1651 Konversion Johann Friedrichs von Sachsen, des Herzogs von Braunschweig‑Lüneburg.
1653 23. Juli: erneutes Eingreifen der Inquisition.
Verbannung und Gefängnishaft im Kapuzinerkloster Pietrarubbia, dann in Fossombrone.
1655 7. Januar: prophetische Kenntnis auch vom Tod des Papstes Innozenz X.
1657 9. Juli: ins Minoritenkloster Osimo verbracht, strengste Geheimhaltung.
1663 Fieber, fast ständige Ekstasen.
15. August: letzte heilige Messe.
18. September: Sterben, “verzehrt von innerem Feuer”.
Sammlung von Material durch Roberto Nuti.
1678 Veröffentlichung des Materials.
1688 Eröffnung des kanonischen Prozesses.
1753 24. Februar: Seligsprechung.
Veröffentlichung der Lebensbeschreibung durch Angelo Pastrovicchi in päpstlichem Auftrag (auch ins Deutsche übersetzt).
1767 16. Juli: Heiligsprechung, Fest am 18. September.

Literatur in deutscher Sprache
*************************************************************************************************
Ignaz Grandi, Der heilige Josef von Copertino. Ein Auszug aus dem ausführlichen Werk von Gustavo Pariseiani OFMConv, in deutsch, Verlag Pax et Bonum Osimo 1968 (offensichtlich vergriffen).
Angelo Pastroviechi, Kurzer Inbegriff des Lebens und der Tugenden und Wunder des seligen Joseph von Copertino, 1753 (Hauptquelle für Hello und Nigg).
Ernst Hello, Heiligengestalten, Jakob Hegner Verlag Köln und Olten 11934 , 31953, S. 246‑257.
Walter Nigg, Der einfältige Charismatiker: Josef von Copertino, in: Große Heilige, Arternis Verlag Zürich und Stuttgart 71962, S. 364‑395, Anmerkungen S. 534.
Nigg bringt — nach einigen Bemerkungen über die Quellenlage — das Geheimnis dieses Mystikerlebens “auf den Punkt”: die außergewöhnliche charismatische Begnadung ohne jede Grundlage in einer natürlichen Begabung, die Befremdung, ja Ängste, die sie bei amtskirchlichen Stellen verursachte; und die Einfalt, mit der Josef sich fügt und alle menschliche Weisheit beschämt. Nigg zitiert auch: Anonymus (unbekannter Verfasser), Das wundervolle Leben des heiligen Josef von Copertino, 1843; Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, 1952, S. 72; Herbert Thurston, Die körperlichen Begleiterscheinungen der Mystik, 1956.
Winthir Rauch, Josef von Copertino, in: Die Heiligen in ihrer Zeit, Matthias‑Grünewald‑Verlag Mainz 31967 — eingeordnet unter “Heilige erkennen das Gebot der Stunde” in Band 11, S. 367‑370.
Wilhelm Schamoni, Das wahre Antlitz der Heiligen, Kösel‑Verlag München 31950, S. 230 f. — mit dem Bild der Totenmaske aus dem Kloster Osimo.
Unter “Noten und Hinweise” beruft sich Schamoni (S. 343) auf. Josef Görres, Mystik 11, S. 542, und verweist auf dessen Ausführungen über das ekstatische Schweben und Fliegen (S. 339‑348): “Bei keiner historischen Tatsache ist ... größere Sorgfalt angewendet worden, um die rechte Wahrheit auszufinden”. In “Die Entrückung und der ekstatische Flug” (Bd. 11, S. 528‑553) führt Görres noch manche andere Mystiker für diese Erscheinung an.
Haus Kühner, Lexikon der Päpste. Von Petrus bis Johannes XXIII., Frankfurt a. M. 1960 (Fischer Bücherei).
Josef Hopfenzitz, Die Klosterkiche in Maihingen, Verlag der Buchhandlung Engler Nördlingen, S. 36‑38 und 18.
In dieser Kirche des früheren Minoritenklosters erzählt ein ganzer Gemälde‑Zyklus das Leben des heiligen Josef von Copertino: Geburt, Klostereintritt, Austreibung böser Geister, der aus Liebe Weinende, Kasteiung, Gabe der Heilung, Konversion des Herzogs von Braunschweig, Flug in Ekstase, Tod, Seligund Heiligsprechung.

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